Simon Groß

Redaktion ()

Internetbetrug – keine Kriminalität der Zukunft!

Dezember 2020

Die Digitalisierung macht vieles vernetzter, einfacher, schneller, ortsungebundener. Davon profitieren aber auch Kriminelle: In Österreich wurden im vergangenen Jahr 16.831 Internet-Betrugsfälle angezeigt – der bisherige Höchstwert.

Zu diesem boomenden und für Kriminelle sehr rentablen Deliktsbereich gingen vor knapp zehn Jahren noch „überschaubare“ 3229 Anzeigen ein. Der Grund für die aktuelle Rekordzahl liegt für Andreas Gantner, Landeskriminalamt-Chefermittler im Bereich Betrug, auf der Hand: „Das Internet ist das schnellst wachsende Medium der vergangenen Jahrzehnte. Darin geben wir mehrmals täglich viele Daten von uns Preis: Bank- und Kreditkartendaten, persönliche Daten, Standortdaten, … Die Gefahr ist groß, dass unsere Unvorsichtigkeit und Unwissenheit ausgenützt werden.“ Das weiß der Chefermittler mit einem aktuellen Fall aufzuzeigen: „Ein Betrüger erstellt auf Facebook einen Fake-Account. Dieser ist jenem eines örtlichen Unternehmens – in diesem Fall ein Baumarkt, welcher aktuell ein Gewinnspiel veranstaltet – täuschend ähnlich. Über diesen Fake-Account werden folglich die veröffentlichten Gewinner des realen Gewinnspiels angeschrieben und mittels Link auf eine andere Internetseite geführt, auf welcher sodann – immer noch mit Verweis auf das tatsächliche Gewinnspiel – Bank- und Kreditdatendaten abgefragt werden.“ Mit derartigen ‚Phishing‘-Attacken gelangen Internetbetrüger zu Bankdaten, über welche später inkriminierte Gelder aus anderen Cybercrime-Delikten verschleiert weitertransferiert werden können. Ein weiters denkbarer Modus Operandi könnte nun im sogenannten Vorauszahlungsbetrug bestehen, indem Gewinnern vorab eine Gewinnanforderungs- oder Bearbeitungsgebühr herausgelockt wird. Auch nicht unüblich sei die sogenannte Abo-Falle, wie Gantners Kollege Harald Longhi, Chefinspektor und IT-Spezialist, ergänzt: „Im Kleingedruckten steht dann, dass ein Abo mit ständiger, monatlicher Abbuchung abgeschlossen wurde.“

Knapp 700 Fälle in Vorarlberg

Die Betrugsformen sind genauso vielfältig wie kreativ, ganz egal, ob Bestellbetrug mit falschen oder gestohlenen Identitäten, Anlage- und Investmentbetrug, Phishing, gefälschte Konten, CEO-Fraud oder Liebesschwindel: 2019 wurden in Vorarlberg im Bereich des Internetbetrugs 692 Delikte angezeigt – eine Steigerung von 50 Prozent gegenüber 2018. Ebenso undurchsichtig wie die wohl hohe Dunkelziffer sind auch die Betrüger, die laut Gantner kaum einem Personenkreis zugeordnet werden können. „Vor allem auch deshalb, weil Internetbetrüger Dienstleistungen anderer Straftäter in Anspruch nehmen – Stichwort ‚crime as a service‘: Ein Betreiber eines Fakeshops lässt sich von einem Dienstleister die Website erstellen und von einem anderen die Verschleierung der Geldspur organisieren – das geht unter anderem über Finanzagenten, deren Daten wiederum über Phishing herausgelockt wurden – in etwa so wie beim erwähnten aktuellen Gewinnspiel-Fall“, erinnert der Chefermittler. Zusätzliche Schwierigkeit sei, die Täter auf einen Ort festzulegen, sagt Longhi, „wobei wir in bestimmten Kriminalitätsfeldern schon auffallende Hinweise haben, die sich immer wieder bestätigen. Die Vorschussbetrug-Masche wird vor allem mit dem Begriff „Nigeria-Connection“ in Verbindung gebracht“, betont der Experte exemplarisch.

Enorme Schadenssummen

Die meisten Internetbetrügereien betreffen den Privatbereich, während die höchsten Schadenssummen bei betrogenen Unternehmen anfallen: Im Fall eines Betriebs im Oberland wurden mittels Anweisung der vermeintlichen Geschäftsführung knapp vier Millionen Euro in den asiatischen Raum transferiert. Die Gelder konnten zwar sichergestellt werden, sind bis dato aber trotz intensiver justizieller Bemühungen noch nicht retourniert worden. Aber auch im privaten Bereich, wo der finanzielle Schaden in der Regel um die 1000 Euro beträgt, gelingt es den Betrügern immer wieder, unglaubliche Summen herauszulocken. „Ein pensionierter Vorarlberger Unternehmer hat über mehrere Monate hinweg an eine vermeintliche Millionenerbin fast 900.000 Euro an Gebühren für den gemeinsamen Erbantritt bezahlt“, verdeutlicht Gantner. Vorsicht geboten sei laut Longhi auch im Vereinsumfeld: „Oft werden Vereinskassiere vom angeblichen Vorstand angeschrieben und um Überweisung von Geld ersucht.“

Gier und Verstand

„Zu Zeiten eines Black-Friday oder Cyber-Monday ist sein Klientel genau dort, wo es der Internetbetrüger haben will: Vor dem Computer. Lockangebote und lukrative Versprechungen bremsen bei vielen leider die Vernunft – etwas salopp formuliert: Gier frisst Verstand“, zeigt sich Gantner besorgt und schildert dazu einen weiteren Fall: „Der Betrüger betreibt eine mit verlockenden Schnäppchen bestückte Verkaufsplattform, auf der er nicht existente Waren anbietet. Er weist darauf hin, dass diese – allesamt Trendartikel wie Smartphones oder Spielkonsolen – erst nach Abverkauf des gesamten Lagerbestandes am Anfang des kommenden Monats ausgeliefert werden. So gewinnt der Täter auch noch Zeit, um den Geldfluss verschleiern zu können.“ Gantners Kollege Harald Longhi ergänzt: „Die Menschen kaufen während der Corona-Krise ohnehin mehr online. Wir haben das auch an den Schlagzahlen der festgestellten Fake-Shops bemerkt. Es vergeht fast kein Tag, an dem nicht ein neuer Fake-Shop auftaucht.“

„Realistisch sein“

Prämisse unserer Ermittlungen ist, den finanziellen Schaden so gering wie möglich zu halten. Dann gilt es, die vom Täter hinterlassenen elektronischen Spuren inklusive Geldspur zu verfolgen. Und hier hat der Täter den klaren Vorsprung, wenn er die erwähnten Spuren in den Weiten des www oder darknet verwischen kann. Dass die Aufklärungsquote in Sachen Internet-Betrug aktuell bei knapp 38 Prozent liegt, hat also seine Gründe. Ermittlungstechnisch seien vor allem auch dann die Hände gebunden, wenn die Täterschaft von dort aus agiert, wo „wir also trotz eines Rechtshilfeersuchens kein Ergebnis geliefert bekommen. Oder die Täterschaft das Netz so gut zu nützen weiß, dass die Spur tatsächlich nicht nachvollziehbar ist. Hier muss man den Mut haben und eingestehen, dass manche Straftaten nicht geklärt werden können“, sagt Gantner. Die beiden Kriminalisten appellieren deswegen an Prävention, Vernunft und Vorsicht: „Die Leute müssen wissen, was passiert, wenn sie sich im Internet bewegen, nach Schnäppchen suchen und online Zahlungen tätigen.“

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