Reiner Eichberger
David Stadelmann

* 1982, aufgewachsen in Sibratsgfäll, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Fellow bei CREMA – Center for Research in Economics, Managemant and the Arts; Fellow beim Centre for Behavioural Economics, Society and Technology (BEST); Fellow beim IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues; Fellow am Ostrom Workshop (Indiana University); Mitglied des Walter-Eucken-Instituts.

 

 ISTOCKPHOTO, UNIVERSITÄT FREIBURG, BEIGESTELLT

SPAM effektiv mit Preisen bekämpfen

September 2018

Wer kennt sie nicht, die E-Mails mit Millionenversprechen von Prinzen aus Nigeria, Werbung für Abmagerungspillen oder Lotteriegewinnbenachrichtigungen? Spam gehört zu unserem Alltag, und er belastet uns stark: Wir müssen Spam von Nicht- Spam trennen, und einmal geöffnete Anhänge bedrohen uns mit Schadsoftware. Bei Unternehmen bringt Spam Serverbelastung, und die Spam-Bekämpfung ist teuer. Schließlich fehlen die hochqualifizierten Entwickler von Spamfiltern bei der Entwicklung gesellschaftlich nützlicherer Software. Was also tun?
Bisher wurde vor allem auf technische Lösungen gegen Spam gesetzt. So soll Filtersoftware Spam von unseren elektronischen Postfächern fernhalten. Das sogenannte „Greylisting“ ist eine Form der technischen Bekämpfung, bei der die erste eingehende E-Mail eines unbekannten Absenders abgewiesen und dann nach einem weiteren Zustellversuch angenommen wird. Die Methode klappt jedoch nur, sofern der Server des Absenders die Spamnachricht nicht ein zweites Mal sendet. Klar ist bei allen technischen Lösungen, dass sie bestenfalls mäßig funktionieren. Nicht alles was Spam ist, erkennt der Filter als Spam. Noch schwerwiegender ist, wenn reguläre und erwünschte E-Mails fälschlicherweise als Spam klassifiziert werden oder aufgrund des Greylisting nur mit Zeitverzögerung ankommen.
Der juristische Kampf gegen Spam ist noch unwirksamer als Spamfilter. Zwar sind Gesetze gegen Spam schnell formuliert. Ihre Durchsetzung ist aber mit hohen Kosten verbunden: Den vermeintlich steinreichen Prinzen aus Nigeria ausfindig zu machen, erscheint im Lichte einer Kosten-Nutzen-Analyse wenig sinnvoll. Auch die anfänglich gepriesene EU-Datenschutzgrundverordnung hilft nicht, unerwünschte E-Mails zu reduzieren. Vielmehr traf eher das Gegenteil zu. Seriöse Newsletter-Anbieter und Unternehmen, bei denen man ohnehin angemeldet war und sich problemlos abmelden kann, wurden durch die EU-DSGVO gezwungen, eine Art Spamnachricht zu senden, mit der Bitte um explizite Zustimmung, dass der erwünschte Newsletter nun weiter gesendet werden darf.

Der reiche Prinz und der Gewichtsabnahme- Wunderpillen-Produzent hingegen ignorieren die EU-DSGVO. Nun ist es Zeit für eine ökonomische Lösung. Der Kern des Spam-Problems ist, dass das Versenden von Massenmails für den Absender praktisch gratis ist. Deshalb wird viel zu viel gesendet. Für die Empfänger sind unerwünschte Massenmails mit Triageaufwand, der Installation von Mailfiltern oder dem Übersehen wichtiger Mails verbunden. Mancher mag sogar Betrügereien zum Opfer fallen. Die ökonomische Lösung ist, die Kosten der Empfänger, den Verursachern, sprich den Sendern, anzulasten. Auf den ersten Blick naheliegend wäre es, eine Art Mailsteuer einzuführen. Das ist aber keine gute Lösung, denn damit würden alle Nachrichten belastet, auch diejenigen, die ihren Absendern und Empfängern Nutzen bringen. Wir schlagen deshalb Folgendes vor: Jede gesendete E-Mail sollte nur mehr dann dem Empfänger direkt im Postfach angezeigt werden, wenn mit ihr mindestens zehn Eurocents oder ein ähnlicher Betrag in einer Kryptowährung an den Empfänger mitversendet werden. Alle anderen Nachrichten werden zwar nicht gelöscht, gehen aber in einen „Wertlos“-Ordner. Empfänger, die Freude an wertlosen Mails haben, können dort ab und zu schmökern und löschen.

Sobald der Versand von E-Mails nicht mehr kostenlos ist, wird das Problem des Spams abnehmen. Es werden nur noch jene Nachrichten versendet, die dem Sender wenigstens zehn Cents wert sind. Auch der Empfänger erhält durch den Preis ein wichtiges Signal, nämlich, dass die Nachricht dem Sender etwas wert war. Es ist sogar anzunehmen, dass sich manche Empfänger über die noch wenigen verbleibenden Massenmails mit zehn Cents Anhang freuen werden. Der Austausch von Nachrichten zwischen Freunden und Familie ist weitgehend symmetrisch. Im Regelfall bekommt man von Bekannten auf eine gesendete E-Mail auch eine Antwort, sodass der Nettogeldempfang beziehungsweise die Nettogeldsendung über die Zeit um Null schwanken wird. Falls es dem Sender nicht wenigstens zehn Cents wert ist, dass der Angeschriebene die Nachricht erhält, sollte er eher darauf verzichten, die aus eigener Bewertung wertlose E-Mail anderen zu senden. Ähnliches gilt für Arbeitsgruppen, in denen der E-Mail-Austausch im Regelfall symmetrisch ist. Und natürlich schlagen innerhalb eines Unternehmens versendete E-Mails netto mit Null zu Buche.
Man könnte nun einwenden, staatliche Behörden müssten für alle Bürger kostenlos erreichbar sein. Wenn das gelten soll – immerhin kostete bisher ein Brief mit der traditionellen Post wenigstens einen Umschlag, das Papier, die Druckkosten und eine Briefmarke – sticht folgende Lösung: Die Behörden sollten auf jede eingehende E-Mail eine freundliche, automatisierte Empfangsbestätigung senden, der dann wieder zehn Cents beigefügt sind. Damit wäre dann wirklich allen gedient.

Für Unternehmen, die Newsletter versenden, besteht kein Grund zur Sorge. Es ist bekannt, dass die Einwilligung zum Bezug eines Newsletters vielen Firmen etwas wert ist. Bei Versandunternehmen gibt es oftmals einen Gutschein von beispielsweise fünf Euro für die Bestellung ihres Newsletters. Viele Unternehmen dürften neue Abonnenten für ihre Newsletter gewinnen, wenn zehn Cents pro Sendung an die potenziellen Kunden gehen. Bei gemeinnützigen Verbänden, die Informationsnewsletter versenden, gilt ähnlich wie bei Behörden, dass der Empfänger an deren Absenderadresse einfach eine automatisierte Empfangsbestätigung zurücksenden kann. Falls er dazu nicht bereit ist, ist dies ein Signal, dass der Newsletter nicht wirklich erwünscht ist.

Natürlich muss unser ökonomischer Vorschlag auch technisch umgesetzt werden. Dazu genügt ein Add-on für Mail-Programme. Es gibt viele findige Kleinunternehmer oder Start-ups im IT-Sektor und genug Finanzdienstleister, die einen Zehn-Cents-E-Mail-Versand von einem mit einer gewissen Summe ausgestatten Prepaid-Konto implementieren können. Für diese private Umsetzung braucht es keine neuen Gesetze und keine staatlichen Subventionen. Auch ist nicht notwendig, dass alle E-Mail-Nutzer weltweit die Lösung gleichzeitig einführen. Vielmehr reicht es sogar, wenn Nutzer einer innovativen Region wie Vorarlberg den Anfang machen. Viele Personen bei einem Mail-Austausch sind sich geografisch vergleichsweise nah, sodass eine regionale Implementierung schon relevante Nutzengewinne verspricht. Es sind auch keine Installationspflichten notwendig, denn wer das Add-on in seinem Mail-Programm zum Senden und Empfangen von zehn Cents nicht installiert hat, bekommt eben keine zehn Cents. Die bleiben dann beim Absender. Ähnlich landen E-Mails von jenen, die das Add-on nicht installieren, im „Wertlos“- Ordner jener Empfänger, die die Installation durchgeführt haben. Natürlich gibt es hier Netzwerk-Effekte, sprich, je größer die Zahl an vorhandenen Nutzern des neuen Systems, desto größer der Nutzen für den einzelnen Nutzer. Aber bereits bei wenigen Nutzern gibt es systematisch Anreize, das Add-on zu installieren, denn dann können die eigenen gesendeten E-Mails bei den Empfängern vom „Wertlos“ in den „Wertvoll“-Ordner katapultiert werden. Und wer zehn Cents mitsendet, identifiziert die eigenen E-Mails als „NO-SPAM“.

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