Florian Dünser

Von digitalen Geschäftsmodellen, Vertriebswegen – und vielen Trugschlüssen

Mai 2020

Die Covid-19-Krise hat viele Unternehmen zu zaghaften Schritten in der Digitalisierung verleitet. Von der viel zitierten Transformation bleiben wir aber meilenweit entfernt.

Es ist eine Herkulesaufgabe, die die Wirtschaft dieser Tage zu meistern hat. Geschäftsmodelle sind binnen weniger Tage zusammengebrochen, Umsätze in vielen Branchen de facto über Nacht ausgeblieben – und Menschen zu Statisten einer Krise geworden, die unser Leben vollkommen auf den Kopf gestellt hat. Und trotzdem: Mit der trüben Situation haben sich innovative Unternehmer hierzulande nicht einfach abgefunden. In kürzester Zeit bewiesen viele von ihnen, warum die Bodenseeregion zu den wirtschaftlich stärksten und innovativsten in ganz Europa zählt.

Findige Unternehmen denken um

Beispiele? So schnell wie das eigene Geschäftsmodell weggebrochen, so schnell haben etwa Textilunternehmen rund um Günter Grabher mit der Vor­arlberger Schutzmaske ein neues etabliert. Viele Einzelhandelsbetriebe haben es über Nacht geschafft, Web-basierte Lieferdienste zu launchen, einem Gastronomie-Zulieferer gelangen mit seinem Rampenverkauf plötzlich virale Hits, Kommunen initiierten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Online-Listen mit lokalen Shops, die ihre Waren kontaktlos bis an die Haustüre liefern – und Restaurant-Betreiber stellten von heute auf morgen ihre Kommunikation auf Facebook, Instagram & Co um.
Paradoxerweise war es also der erzwungene Stillstand, der in Sachen Digitalisierung endlich zu jener Bewegung geführt hat, die man in den vergangenen Jahren oft vermisst hat. Hat das Covid-19-Drama in diesem Teilaspekt zuletzt eine positive Nebenwirkung mit sich gebracht? Trotz der vielen positiven Beispiele lautet die etwas ernüchternde Antwort: Nur in Ansätzen.

Von digitaler Transformation weit entfernt

Die Wirtschaft hat sich im Rahmen der Covid-19-Krise nicht von heute auf morgen digitalisiert. Bestellungen temporär per Mail anzunehmen oder Speisekarten auf Facebook abzubilden sind schöne Mosaiksteine digitaler Kommunikation – haben mit der Transformation, die gebetsmühlenartig seit Jahren gepredigt wird, in Wahrheit aber rein gar nichts zu tun. Im Gegenteil: Die vermeintlichen Fortschritte können relativ rasch zu Rückschritten verkommen. Dann nämlich, wenn Unternehmen die regionale Solidaritätswelle der Krise als Erfolg ihrer zaghaften Digitalisierungsschritte verbuchen und daraus die falschen Schlüsse ableiten. Klar ist: Reichweite und Sichtbarkeit im Web sind nicht immer für lau. Die strategie- und konzeptlose Kommunikationsanarchie dieser Tage wird so schnell wieder vorbei sein, wie sie gekommen ist. Das gilt im Übrigen und mit großer Wahrscheinlichkeit auch für besagte Solidaritätswelle.
Die Hoffnung bleibt, dass vor allem jene Unternehmen, die bisher nur Statisten der digitalisierten Welt waren oder dieser gar ablehnend-skeptisch gegenüberstanden, nun erkannt haben, dass die Digitalisierung nicht einfach „nur“ Chancen bringt, sondern das wirtschaftliche Überleben sichern kann – allen voran in der Krise. 

Es bleiben zwei Optionen

Die gute Nachricht ist: regionale Wertschöpfung ist für viele Menschen nun kein Fremdwort mehr. Die schlechte: Amazon, Google, Facebook & Co ist das trotzdem egal. Sie werden bleiben, weiterwachsen und ihre Marktdominanz stärken. Für die Unternehmen hierzulande bleiben also zwei Optionen: Weitermachen wie vor Covid-19 („es hat ja vorher auch geklappt.“) Oder aber: Die neuen Erfahrungen nutzen, Fahrt mitnehmen, solide Basis und Struktur schaffen, neue Vertriebswege und Geschäftsmodelle weiter testen und etablieren (nicht nur temporär zusammenbasteln) – und für die Zukunft und eine etwaige „nächste“ Krise gerüstet sein. Für Vorarlberg kann es nur eine Antwort geben.

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