Simon Groß

Redaktion ()

Von Gretas Traum und der Realität in Vorarlberg

Oktober 2019

Vorarlberg hat diesen Sommer als erstes Bundesland den Klimanotstand ausgerufen, seit Kurzem „gilt“ dieser per Nationalratsbeschluss auch österreichweit: Für die einen überzogen, für die anderen gerechtfertigt. Der Versuch eines nüchternen Blicks auf das Thema der Stunde.

Wie konntet ihr es wagen, meine Träume und meine Kindheit zu stehlen mit euren leeren Worten?“ Mit Greta Thunberg hat der globale Klimawandel ein Gesicht und eine Stimme bekommen, die Schwedin polarisiert, wie kein Teenager zuvor, aber ihre Idee trägt Früchte: Dieser Tage erst haben die 16-Jährige und die von ihr ausgelöste Protestbewegung „Fridays for Future“ den Menschenrechtspreis erhalten, wenig später wurde der jungen Aktivistin auch der Alternative Nobelpreis verliehen. Thunberg ist binnen eines einzigen Jahres, maßgeblich vorangetrieben durch Social Media, von einer Einzelkämpferin zu einem Phänomen unserer Zeit geworden, zur Anführerin einer globalen Bewegung. Alle Welt lässt sich von einer 16-Jährigen erklären, wer und was das neue Korrektiv und Normativ in Sachen Klimaschutz ist. Thunberg fordert trotzig ein, was man ihr – und der ganzen Jugend weltweit – vermeintlich stiehlt. Konsequent zeigt sie mit dem Finger auf die „Älteren“, auf die Politiker, auf all diejenigen, die leere Versprechen in die Welt posaunen. 

Gutes Gewissen, nicht so gutes Handeln

Die Idee Greta? Regelmäßig erfinden sich etliche Akteure, vor allem Schauspieler oder „Personen des öffentlichen Lebens“ als Klimaaktivisten neu. In Österreich haben wir schon selbst Greten: Robert Palfrader zum Beispiel, eines der Zugpferde der „tele-Klimainitiative“. Grimmig schaut der sonst so lustige Schauspieler und Kabarettist aus dem Fernsehmagazin: „Weniger ist mehr – das letzte verbliebene Lebenskonzept für unsere Kinder.“ Das schafft Sympathie und die Aufmerksamkeit für die gute Sache. Weniger Wegwerfen, weniger Müll, weniger Plastik. Weniger Fleisch, weniger Exotisches. Weniger Auto, weniger Fliegen, weniger Treibhausgase. Die Zeichen stehen auf Reduktion.
Wenn wir aber reduzieren sollen, dann gleichmäßig und auf allen Ebenen. Dann muss es auch heißen: Weniger Einseitigkeit. Weniger Oberflächlichkeit. Weniger Alternativlosigkeit. Weniger Panik. Weniger Sturheit und kein: „Aber die anderen haben ja noch nicht einmal den Kohleausstieg geschafft!“ Doch so wichtig das Engagement des Einzelnen auch sein mag, der Klimawandel muss in größerem Maßstab gedacht werden.

Klimanotstand: Understatement oder Alm-/Alb-Traum?

Denn der Klimawandel kann nur auf globaler Ebene gemeistert werden, weshalb es auch eine Klimapolitik und ein Verständnis davon im globalen Gleichschritt braucht. Der berühmte Vertrag von Paris ist der verbindliche Rahmen für jedes Land für die Erreichung der Klimaziele. Kurz vor Beginn des UNO-Klimagipfels in New York im September 2019 haben sich außerdem 66 Länder zur CO2-Neutralität bis 2050 „verpflichtet“. Der globale Gleichschritt basiert also auf Selbstverpflichtung und Verbindlichkeit. Man darf sich nicht zurücklehnen und sagen: „Wenn’s die anderen nicht machen, dann machen wir’s auch nicht.“ Tatsächlich aber scheint es so, als laufen wir im Kreis, tippen dem Vordermann auf die Schulter und sagen mahnend: „Ihr macht das ja schon …“ Der Klimawandel ist eine gefährliche Mischung aus realen, physikalischen und meteorologischen Veränderungen der Welt und der gleichzeitig oft unveränderten Einstellung zum Verantwortungsbewusstsein ihrer Bewohner. Es wird heftig diskutiert, ob der Klimawandel denn menschengemacht sei, oder nicht – eine Annahme, die von der überwältigenden Mehrheit der Wissenschaftler getragen, von Populisten und rechten Parteien aber stark bezweifelt wird, etwa vom AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland: „Auch wenn Sie aus den Medien ständig etwas anderes hören, es gibt keine gesicherten Erkenntnisse über eine durch den Menschen verursachte Erderwärmung. Was es gibt, ist eine politisch motivierte Panikmache.“
Bei allem (mir abringbaren) Respekt: Diese Aussage ist außerirdisch … Denn auf unserer Welt wird das für uns Menschen wichtigste Kapital gefährdet: Natur- und Kulturlandschaften, ja unser gesamter Lebensraum, verändern sich unwiederbringlich. Klar, man darf jetzt hinter jedem Wetterphänomen nicht sofort etwas orten, aber man sollte auch nicht die Augen verschließen: Der Neusiedlersee trocknet immer mehr aus, Waldsterben und Borkenkäfer-Befall, Dürre, Hitze und immer heftigere Unwetter sind offensichtlich.

Nicht mehr isoliert

Die Folgen des Klimawandels jedenfalls zeigen sich auch in Vorarlberg unüberschaubar. Der Historiker und Autor Philipp Blom wies im Interview mit „Thema Vorarlberg“ kürzlich darauf hin, dass die Jahre 2000 bis 2017 die jeweils heißesten waren und ein jedes Jahr einen neuen Klimarekord bringe. Und das hat nicht nur Auswirkungen auf die Verkaufszahlen von Sonnenschirmen oder Klimaanlagen. „Wenn in früheren Jahrhunderten eine Zivilisation beschlossen hat, alle Bäume abzuholzen, dann ist sie auch untergegangen. Aber das war ein lokales Ereignis. Es gab keine Auswirkungen auf die Welt. Doch in unserer heutigen globalisierten Welt sind wir nicht mehr isoliert von den Veränderungen. Wir sind nicht mehr isoliert, nicht von den Flüchtlingsbewegungen, nicht von der Rohstoffversorgung und auch nicht von der Versorgung mit Nahrungsmitteln, ganz zu schweigen von Wetterphänomenen, Finanzströmen, Terrorismus“, sagte Blom.
Im Milchland Vorarlberg war kürzlich wieder vielerorts Almabtrieb, und die Älpler zeigen sich dieses Jahr zufrieden: Der Alpsommer 2019 war gut, auch wenn der schneereiche Winter am Anfang zunächst in vielen Regionen zu Verzögerungen führte. Vor allem die Hochalpen konnten erst mit Verspätung bewirtschaftet werden, und zwar um sieben bis zehn Tage. Durch günstige Witterung und guten Futterwuchs blieben weitere Folgen aus. Noch.

Vorarlberg als Vorreiter

Diesen Sommer wurde vom Landtag der Klimanotstand für Vorarlberg ausgerufen. Was zuvor erst aus vereinzelten österreichischen Gemeinden und Städten zu vernehmen war, wurde nun auch vom Nationalrat per Beschluss verordnet: Der Klimanotstand gilt österreichweit. In der immer intensiver werdenden Debatte um den Klimawandel – die in Vorarlberg nicht erst seit wenigen Tagen geführt wird – sollte nicht geringgeschätzt werden, was Vorarlberg in Sachen Klimaschutz bereits leistet – Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen. In Vorarlberg konnte der Einsatz des Energieträgers Öl zwischen 2005 auf 2017 halbiert werden. Die Vorarlberger haben offensichtlich einen besonderen Hang zu Umwelt, Nachhaltigkeit, Klima und Naturschutz und machen das Land in diesen Angelegenheiten zum Vorreiter. Das zeigt nicht nur die beeindruckende Bilanz von Ökoprofit: Es wird außerdem auch eine besonders strikte Mülltrennung praktiziert, es gibt ein dichtes und gut funktionierendes ÖPNV-Netz, der Trend geht klar zu Begrünungen, Renaturierungen, überhaupt zum Stehenlassen von Streuwiesen. Das ist nicht nur schön anzusehen, sondern auch ideal für Bienen, denen man eine zentrale Rolle im ökologischen Gleichgewicht der ganzen Welt zuspricht.
Die Ergebnisse des aktuellen Energie- und Monitoringberichts des Landes Vorarlberg bestätigen aber vor allem auch den Weg der freiwilligen Maßnahmen der Vorarlberger Wirtschaft, die sich seit Jahren in Sachen Energieeffizienz und Treibhausgas-Ausstoß bemüht: Der Energieverbrauch ist bei gleichzeitigem Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum kaum gestiegen und konnte in Bezug auf die Wirtschaftsleistung sogar deutlich gesenkt werden. Umgesetzte Energiesparmaßnahmen und eine Energieeffizienzsteigerung senkten den Endenergieverbrauch pro Wirtschaftsleistung bzw. Bruttoregionalprodukt von 914 Kilowattstunden pro 1.000 Euro im Jahr 2005 auf 620 Kilowattstunden pro 1.000 Euro im Jahr 2017 – und somit um insgesamt 32 Prozent. Im Sektor Industrie und Gewerbe wurden in diesem Zeitraum kumuliert vier Prozent weniger CO2 ausgestoßen. „Obwohl wir unsere Hausaufgaben gemacht haben, heißt das noch lange nicht, dass wir uns von globalen Bemühungen um die CO2-Reduktion ausnehmen sollen oder dürfen“, betont Marco Tittler, Direktor-Stellvertreter der Wirtschaftskammer Vorarlberg und designierter neuer Wirtschaftslandesrat. Die Wirtschaft kann den Klimawandel vor allem deshalb meistern, weil bereits früh erkannt wurde, dass Kreativität und Innovation der Schlüssel zum Erfolg sind – und nicht die Flucht unter die saubere Glaskuppel.
Auch die illwerke vkw setzt sich als heimische Schlüsselfigur auf regionaler, europäischer und globaler Ebene mit konkreten Maßnahmen für den Klimaschutz ein. „Zentrales Thema ist dabei der Ausbau der Wasserkraft, in den nächsten Jahren werden mehrere Projekte umgesetzt. Ziel ist dabei nicht nur, Vorarlberg mit Strom aus zu 100 Prozent erneuerbaren Energiequellen zu versorgen. Moderne Wasserkraft sorgt auch für einen schnellen und flexiblen Ausgleich bei Netzschwankungen, die durch den verstärkten Einsatz von Sonnenenergie und Windkraft entstehen können“, sagt Vorstand Christof Germann. Mit Angeboten wie dem Klimaneutralitätsbündnis 2025 und dem Energieeffizienznetzwerk werden Unternehmen außerdem auf dem Weg zu mehr Effizienz und schließlich zur Klimaneutralität unterstützt.

Billighuhn und Ablasshandel

Vorarlberg hat sich unter konsequenten und jahrelangen Bemühungen zu einer Art Modellregion entwickelt und muss zukünftig mit Österreich und Europa als Vorreiter zeigen, dass man ökologisch und ökonomisch erfolgreich sein kann. Ein sinnvoller und vor allem gut überlegter Weg, vor allem gegenüber der überbordenden Verbotskultur, wie sie bei unseren Nachbarn herrscht. Denn wenn heimische Produkte etwa durch Ökosteuern verteuert werden und nicht mehr attraktiv oder konkurrenzfähig sind, sind sie auch auf dem internationalen Markt weniger gefragt. Und wer leidet darunter? Ja, unser Wohlstand. Überhaupt sei die Pönalisierung umweltschädlichen Verhaltens durch die Verteuerung bestimmter Güter ein Leichtes für so manche Umweltaktivisten, sagt Andreas Koller in den Salzburger Nachrichten zum Thema Strafsteuern: „Oder wenn sie der Alleinerzieherin, die im Supermarkt nach dem Billighuhn greift, einreden, dass sie ‚mitschuldig‘ an einem ‚Inferno‘ sei. Klimapolitik darf nicht nach dem Motto erfolgen: ‚Wer zahlt, darf weiter sündigen, wer nicht zahlen kann, muss auf die Segnungen der Wohlfahrtsgesellschaft verzichten.“
Gewissen, Wohlstand und Moral – schau’ ma mal, wie ich’s bezahl’. Wohlstand wollen wir, wir wollen ihn schnell, möglichst unkompliziert und am besten umsonst, aber etwas zurückstecken (und damit einen Beitrag leisten) wollen wir weniger gern. Jeder will Heilung, aber die richtige Medizin zu entwickeln braucht viel Überlegung und Verantwortungsbewusstsein. „ … Wir müssen auch sicherstellen, dass die Arznei nicht schmerzhafter ist als das Übel“, schrieb Bjørn Lomborg kürzlich in der Presse, die seine „Schauergeschichten zum Klimawandel“ abdruckte.

Die neue Gretchenfrage

„Wie könnt ihr es wagen?“ fragt Thunberg bei ihrer Brandrede am Klimagipfel in New York theatralisch, kurz vor dem nervlichen Kollaps. Fassungslos sucht sie nach einem letzten Funken Moral. Auf Vorarlberg bezogen: Wie können Sie nur Bioäpfel vom Dünserberg kaufen, um dann danach entspannt die Kreuzfahrt zu buchen! Schämen Sie sich! Naja, Kreuzfahrtschämen ist noch nicht so bekannt wie Flugschämen. Letzteres sollte sich jener ehemalige Gouverneur aneignen, der um die Welt jettet, um den Menschen zu predigen. Wie war das noch mit Wasser predigen und Wein trinken …
„Das Klima markiert die neue Gretchenfrage der Moral“, hält Philosoph Konrad Paul Liessmann in der NZZ fest. Der CO2-Ausstoß sei zum neuen Gut und Böse-Maßstab geworden, der ökologische Fußabdruck zur Definition des moralischen Status der Menschen. „Religiös angehauchte Begriffe wie Klimaschützer und Klimaretter, Klimaleugner und Klimasünder begleiten und verdeutlichen diese Entwicklung“, führt Liessmann aus. Die Moral von der Geschichte: Mit Moral kommen wir nicht weit in Sachen Klimawandel. Denn die Moral beschleunigt nur den erwähnten Kreisgang der Schultertipper. Verantwortung braucht es. Und die Verantwortung braucht jene Kapazität an Überzeugungskraft und Vereinnahmungsattraktivität, wie sie die Moral hat. Denn so lange wird letztere auch nur ein Vehikel zur Weitergabe der Verantwortung bleiben.

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