Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Die Seuche in Vorarlberg

Juli 2020

Die Maul- und Klauenseuche hat nun auch bei uns im Dorfe Einzug gehalten. Begreiflich, daß hiedurch die Stimmung in der Bevölkerung wesentlich gesunken ist. Im Moment scheint das öffentliche Leben zumindest nach außen hin beinahe lahmgelegt zu sein. Es werden von der Bevölkerung nur die dringendsten Arbeiten im Gemeinschaftswesen erledigt, ansonsten lebt man in größtmöglicher Isolation … Leer sind die Ställe, und es ist geradezu eine unheimliche Ruhe dort eingekehrt, wo kurze Zeit vorher das Leben des Tieres den Bauern in seiner ganzen Kraft und Pflichtbewußtsein erforderte.“ So ein Bericht aus Andelsbuch, wo am 20. Jänner 1966 die Tierseuche auf einem Hof festgestellt wurde, worauf dessen gesamter Viehbestand geschlachtet werden musste.
Nachdem die Maul- und Klauenseuche schon 1965 in zahlreichen europäischen Ländern grassiert hatte, erreichte die Epidemie im Winter 1966 auch Vorarlberg. Es handelt sich dabei um eine sehr ansteckende Viruserkrankung, die Klauentiere, also auch Nutztiere wie Schweine, Rinder, Ziegen oder Schafe befällt. Bei den infizierten Tieren bilden sich flüssigkeitsgefüllte Bläschen am Maul und an den Klauen, was für die Tiere äußerst schmerzhaft ist. Die Viren können über Schmier- oder auch Tröpfcheninfektion verbreitet werden, sind für Menschen aber bis auf ganz wenige Ausnahmen ungefährlich. Die Maul- und Klauenseuche wurde erst im 20. Jahrhundert zu einer bedrohlichen Gefahr, da die ansteigende Mobilität der Menschen und zunehmende Tiertransporte zur Verbreitung der Krankheit führten.
1966 war von der Seuche besonders die benachbarte Schweiz betroffen, was Vorarlberg veranlasste, besondere Maßnahmen gegen ein Übergreifen einzuleiten. Die Veterinärbehörden haben damals angeordnet, zunächst in einem Streifen zur Schweiz einen „Impfgürtel“ aufzubauen, der die Ausbreitung verhindern sollte, um dann später den gesamten Viehbestand in Vorarlberg zu impfen. Trotzdem war bald neben einem Bauern in Bildstein auch ein Hof in Zwischenwasser betroffen, der in der Nähe des Furxer Skigebiets gelegen war. Daher vermutete man in diesem Fall, dass die Einschleppung durch Skitouristen aus den Nachbarländern erfolgt sei. Auch im Bregenzerwald herrschte große Angst vor einer Ausbreitung, und in Bezau wurde sogar ein gut besuchter Bittgottesdienst abgehalten. Die Bauern durften die Milch nicht mehr selber in die Sennerei bringen, und die Schulen von Egg, Großdorf, Andelsbuch, Bersbuch sowie das Skigebiet in Schetteregg wurden temporär geschlossen.
Im Frühjahr 1966 ebbte die Maul- und Klauenseuche in Vorarlberg ab, und es konnte Bilanz gezogen werden: Insgesamt waren 15 Höfe in Vorarlberg von der Seuche betroffen. 197 Tiere, davon 112 Rinder mussten notgeschlachtet werden. Ähnlich wie bei der Corona- Pandemie kam es zu gravierenden wirtschaftlichen Folgeschäden, die der gesamten Vorarlberger Viehwirtschaft zu schaffen machten. So war der Viehabsatz nach Süddeutschland, einem traditionellen Absatzmarkt, völlig zusammengebrochen, da dort sehr strenge Vorschriften für den Tierverkehr erlassen
wurden.

 

 

Jedes Fahrzeug, das von der Schweiz über das Zollamt Höchst einreiste, musste damals einen desinfizierenden Teppich passieren. Die Passagiere mussten aussteigen und ihre Schuhsohlen in Sägemehl abstreifen, das mit einem Desinfektionsmittel getränkt war. Offenbar beschränkten sich die Maßnahmen auf das Zollamt Höchst, was einen kritischen Kommentar im „Vorarlberger Volksblatt“ zur Folge hatte: „Die Maul- und Klauenseuche-Erreger werden hiemit aufgefordert, jeglichen Grenzübertritt nach Vorarlberg zu unterlassen. Sollte ein Überschreiten der Grenze dennoch unumgänglich sein, so haben die Viren ausschließlich über das Straßenzollamt Höchst einzureisen, widrigenfalls sie mit strenger sanitätspolizeilicher Ahndung und Bestrafung zu rechnen haben. Schließlich verlässt man sich in Vorarlberg auf die Anständigkeit der Krankheitserreger, nur in Höchst wird fleißig weiter desinfiziert. …“

Oskar Spang

Der Pressefotograf Oskar Spang (1921-2003) hinterließ dem Stadtarchiv Bregenz und der Vorarlberger Landesbibliothek ein umfangreiches Archiv mit circa 500.000 Negativen. Nun wurde mit der Digitalisierung der Fotos begonnen, um diesen landeskundlichen Schatz einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es handelt sich um Fotos aus allen Lebensbereichen (Kultur, Sport, Politik, Fasching, ...), die fast die gesamte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts abdecken.

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.