Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Für die Heimat: Auf nach Feldkirch!

September 2020

Es war im September 1965 kaum ein Jahr seit der Demonstration anlässlich der Schiffstaufe in Fußach vergangen, und schon wieder strömten in Vorarlberg mehr als 25.000 Menschen zusammen, um ein Anliegen kraftvoll zu artikulieren. Der rege Zuspruch war sicher der tatkräftigen Unterstützung der „Vorarlberger Nachrichten“ und hier besonders Chefredakteur Franz Ortner zu verdanken, die intensiv für die Demonstration in Feldkirch warben. Der Grund für die Kundgebung war diesmal kein innerstaatlicher Konflikt, sondern eine grenzüberschreitende Frage des Naturschutzes – das Wort Umweltschutz war damals noch nicht in Gebrauch. Im schweizerischen Rüthi, nahe der österreichischen Grenze bei Meiningen, sollte ein thermisches Kraftwerk errichtet werden, das die Energieversorgung und damit die wirtschaftliche Entwicklung des St. Galler Rheintals nachhaltig sichern sollte. Begünstigt wurde dieses Vorhaben durch die damals neue transalpine Öl-Pipeline, die das Kraftwerk mit dem nötigen Rohstoff versorgt hätte. Im Vollausbau war die Verbrennung von 70.000 Tonnen Öl pro Stunde geplant, was unweigerlich vielfältige Auswirkungen auf die Umwelt des Rheintals gehabt hätte. Trotzdem wurde das Projekt von St. Galler Seite konsequent vorangetrieben, wohlwollend beobachtet und kaum kommentiert von der offiziellen Vorarlberger Landespolitik.
Es ist Heinz Schurig (1924-2006, Professor an der Pädagogischen Akademie und Fischereifunktionär) zu verdanken, dass sich Widerstand gegen das Projekt formieren konnte. Im Informationsaustausch mit Gleichgesinnten jenseits der Grenze listete er mehrfach öffentlich die möglichen Folgen des Kraftwerks auf, die von Waldsterben, Versauerung der Böden, Klimaveränderung, bis hin zur wesentlichen Erwärmung des Rheins gereicht hätten. Als gelegentlicher Mitarbeiter bei den VN gelang es ihm, Franz Ortner für die Sache zu gewinnen, während das regierungstreue „Vorarlberger Volksblatt“ und der ORF kaum über die Sache berichteten.
Gegen den Willen der Vorarlberger Landespolitiker begannen Schurig und seine Mitstreiter auch auf bundespolitischer Ebene nach Verbündeten zu suchen. Sie fanden diese im damaligen Außenminister Bruno Kreisky (SPÖ), aber besonders in Carl Bobleter (ÖVP), gebürtiger Feldkircher und Staatssekretär im Außenministerium.
Gut besuchte Aufklärungsabende, permanente mediale Präsenz und kritische Umweltgutachten sorgten im Herbst 1965 für eine Stimmung, die dann in eine machtvolle Demonstration münden sollte. Schurig schreibt dazu: „Jeder spürte, dass hiefür nun der günstigste Augenblick gekommen war, um mit einer Großdemonstration der ins Wanken geratenen Minderheit der Kraftwerks-Befürworter eine ,Entscheidungshilfe‘ zu liefern.“
Am 11. September 1965 folgten dann dem Ruf „Für die Heimat: Auf nach Feldkirch“ über 25.000 Menschen, die die gesamte Marktgasse füllten und sich bis in die Seitenstraßen verteilen mussten. Die Kundgebung war international, so fanden sich zahlreiche Unterstützer aus Liechtenstein, der Schweiz und sogar aus Deutschland ein. Bevor die Redner das Wort ergriffen, spielten nicht weniger als sieben Blasmusikkapellen, um die Wartezeit zu verkürzen. Unzählige selbst gemalte Transparente (zum Beispiel „Rüthi stinkt wie Pschütti“; „Das Rheintal muss ein Reintal bleiben“; „Mit Rütli wurd die Schweiz geboren, mit Rüthi ist das Rheintal verloren“) wurden entrollt und Sprechchöre angestimmt, ehe Staatssekretär Bobleter das Wort ergriff. Unter großer Zustimmung bekräftigte er die ablehnende Haltung Österreichs gegen das Kraftwerk und wurde danach von Rednern aus Liechtenstein und der Schweiz vehement unterstützt. Mit den Klängen der Bundes- und Landeshymne endete die Veranstaltung in Feldkirch friedlich.
Bald nach der Demonstration wurden alle Aktivitäten rund um das Kraftwerk eingestellt, obwohl es nie einen offiziellen Entschluss gegeben hatte, das Projekt zu beenden. Der sichtbarste Grund für den Ausstieg war vermutlich der starke Widerstand der Bevölkerung auf beiden Seiten des Rheins, aber Heinz Schurig vermutete 25 Jahre später, dass es noch ein anderes Motiv dafür gab: „Das war die Zuwendung der Schweizer zur Atomkraft, die ihnen rentabler und moderner erschien. Statt eines Ölkraftwerks sollte ein Atomkraftwerk in Rüthi erstehen! Und damit begann ein neues Blatt in der Vorarlberger Umweltgeschichte, nämlich der Kampf gegen das Atomkraftwerk Rüthi.“

Quellen

Heinz Schurig: Rüthi nie! Der Kampf gegen Thermokraftwerk und Ölraffinerie 1964/65. In: Vorarl­berger Oberland 1990, Heft 4, 1990, Seite 177-203
Christoph Volaucnik: Rüthi nie. Groß­demonstration vor 40 Jahren. In: Feldkirch aktuell 2005, Nr. 4, Seite 46-49

Neu auf volare: 10.000 Fotos von Oskar Spang. www.vorarlberg.at/volare

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