Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Monumente der Migration

Mai 2021

Hochschulschriften wie Diplomarbeiten, Masterthesen oder Dissertationen sind ein Herzstück der landeskundlichen Sammlung der Vorarl­berger Landesbibliothek. Tausende Arbeiten, die Vorarlberg oder hier lebende Personen zum Inhalt haben, wurden im analogen Zeitalter oft mit Hilfe der Fernleihe bestellt und dann in mühsamer Kleinarbeit kopiert, gebunden und dann der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Oft werden darin Themen behandelt, die bis dahin kaum beachtet wurden, wie etwa die bemerkenswerte, 2019 erschienene Arbeit von Catherine Sark: „Architektur der Ambivalenz – Die Südtiroler-Siedlungen als erste großmaßstäbliche Bauaufgabe und Sonderform des sozialen Wohnbaus in Vorarlberg“, die als Master-Thesis am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH-Zürich eingereicht wurde und die vor allem die Siedlungen in Bregenz zum Inhalt hat. Nur noch zur Südtiroler-Siedlung in Bludenz gibt es eine umfangreiche Untersuchung, die 1998 in den Bludenzer Geschichtsblättern erschienen ist. Wie wichtig wissenschaftliche Arbeiten zu solchen Themen sind, zeigt die momentane, emotional geführte Diskussion in Bludenz, zu der sie wichtige Entscheidungsgrundlagen beisteuern könnten. Anlass für die dortige Aufregung ist eine kürzlich erfolgte Information der zuständigen Wohnbaugesellschaft an die Mieter, dass Wohnungen nur noch kurzfristig vergeben werden, da die Lebensdauer der Gebäude erreicht und eine Erhaltung der Siedlung nach wirtschaftlichen und ökologischen Standards nicht mehr vertretbar sei.

Ab dem Jahr 1939 entstanden innerhalb weniger Jahre 475 Häuser mit insgesamt 2333 Wohnungen.

Etwa 80 Jahre alt sind die Südtiroler-Siedlungen in Vorarlberg, und es gibt daher nur noch wenige lebende Zeitzeugen, die selbst die Reise nach Vorarlberg angetreten haben. Weil Südtirol nach dem 1. Weltkrieg Italien zugefallen war, konnten 1922 die Faschisten eine Politik der Assimilation gegenüber der deutsch- und ladinischsprachigen Bevölkerung beginnen: In der Schule, auf Ämtern oder bei den Ortsnamen sollte das Deutsche durch das Italienische verdrängt werden. Um den Konfliktherd Südtirol zu beseitigen, vereinbarten Hitler und Mussolini 1939 das Optionsabkommen. 
Die SüdtirolerInnen wurden vor die schwere Wahl gestellt, entweder ins Deutsche Reich auszuwandern oder ohne Minderheitenschutz in Südtirol zu verbleiben. Obwohl zunächst 80 Prozent der 250.000 Betroffenen optierten, waren es dann bis 1943 „nur“ 75.000, die tatsächlich die alte Heimat verließen. Die meisten wählten als Ziel ihrer Auswanderung den damaligen Gau Tirol-Vorarlberg, wo für sie innerhalb kürzester Zeit Wohnraum geschaffen werden musste. Nach Vorarlberg kamen schließlich – die Angaben schwanken allerdings erheblich – rund 10.000 SüdtirolerInnen, was in etwa sechs Prozent der damaligen Bevölkerung Vorarlbergs ausmachte. 
Trotz der wirtschaftlich schweren Zeiten wurde unter hohem Zeitdruck eine beispiellose Bauoffensive gestartet, die auf Effizienz und Normierung der Bauten setzte. So sind die Südtiroler-Siedlungen in ihrer Uniformität bis heute auch für den Laien als solche erkennbar. 1939 wurde im damals noch dünn besiedelten Bregenzer Vorkloster mit den Siedlungen Rheinstraße und Schendlingen begonnen, es folgten Dornbirn-Sala, Feldkirch, Hard, Hohenems, Lochau, Lauterach, Lustenau, Rankweil, Götzis und Bludenz, das eine Sonderstellung einnimmt, da hier zu einem großen Anteil auch Einheimische Wohnraum fanden. Insgesamt entstanden so innerhalb weniger Jahre 475 Häuser mit insgesamt 2333 Wohnungen. Da der maßgebliche Bauträger VOGEWOSI (Vorarlberger Gemeinnützige Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaft) zudem unter dem Einfluss Vorarlberger Textilfabrikanten stand, war das Interesse groß, zahlreichen ungelernten Arbeitskräften schnell eine passende Wohnung anbieten zu können. Die Masse der SüdtirolerInnen wurde deswegen im Rheintal angesiedelt, wo die Textil- und Metallverarbeitende Industrie die Neuankömmlinge mit offenen Armen aufnahm.
Catherine Sark, die mittlerweile in der Abteilung Raumplanung beim Land Vorarlberg beschäftigt ist, lässt uns teilhaben an ihrem Versuch, die Südtiroler-Siedlungen in der Vorarlberger Architekturgeschichte zu verankern: „Bislang wurden den Südtiroler-Siedlungen ein geringes öffentliches Interesse sowie eine untergeordnete Bedeutung in der Architekturgeschichte entgegengebracht. Das hat einerseits mit ihrer Entstehungsgeschichte zu tun sowie andererseits mit der in Österreich relativ spät eintretenden Auseinandersetzung mit dem baulichen Erbe aus der NS-Zeit. Ein weiterer Grund für die geringe Wertschätzung ist auch in der ‚Handschrift‘ der Siedlungen zu finden, die vorwiegend als fremd, vielleicht auch als invasiv, jedenfalls als ‚nicht österreichisch‘ empfunden wurde, da Ideologie und Architekten stark mit der Stuttgarter Schule verbunden waren. Obwohl vom damaligen Chefarchitekten Fritz Vogt zwar propagiert wurde, einen regionalen Bezug zum Rheintalhaus zu schaffen, können formal nur wenige typische Gestaltungselemente bei den Gebäuden der Südtiroler-Siedlungen festgemacht werden. Durch ihre nahezu geschlossene Bauweise sowie durch ihre großen Freiräume und ihren dorf­artigen Charakter zeigen sich insbesondere die Bregenzer Anlagen Schendlingen und Rheinstraße nach wie vor einzigartig und sind als Ensemble bis heute vollständig erhalten geblieben. Die unterschiedlichen Höhenstaffelungen der Baukörper oder die architektonischen Sonderelemente, wie beispielsweise Erker oder Torbögen, definieren nicht nur wichtige Straßenräume, Plätze oder öffentliche Funktionen, sondern leisten insbesondere einen identitätsstiftenden Beitrag für das Orts- und Landschaftsbild. Neben ihrer Funktion als wichtige architekturhistorische Dokumente – vor allem unter dem Forschungsfokus der Instrumentalisierung und Inszenierung der Architektur in der Zeit des Nationalsozialismus kommt den Anlagen auch eine kulturgeschichtliche Bedeutung zu, die es zu erinnern und zu erhalten gilt. Nämlich jene als erste großmaßstäbliche Bauaufgabe des Landes, als damalige neue Heimat für die Südtiroler Umsiedler sowie als Impulsgeber für die Entwicklung der Architektur in Vorarlberg. Denn auch wenn die Südtiroler-Siedlungen lange als architektonisches, jedoch unreflektiertes Vorbild im sozialen Wohnbau galten, konnte sich erst in der Kontroverse durch die Vorarlberger Baukünstler in den 1960er Jahren ein neues Architekturverständnis reformieren.“
Die Autorin ist sich der aktuellen Brisanz des Themas sowie der noch ungewissen Zukunft der Vorarlberger Anlagen sehr bewusst, da diese in den kommenden Jahren nachverdichtet oder abgerissen werden könnten – sie will mit ihrer Arbeit einen Denkanstoß zur Diskussion für ein mögliches Unterschutzstellungsverfahren der Ensembles leisten.

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