Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Wo liegt Vorarlberg?

September 2019

47° 30´ 18´´ nördliche Breite, 9° 44´ 57´´östliche Länge: so die gewohnten Koordinaten von Bregenz. Der Wert für die nördliche Breite ist seit Jahrhunderten unverändert, denn es war nie strittig, dass die Zählung vom Äquator aus Richtung Norden zu erfolgen hat. 47° N geben uns den eindeutigen Hinweis, dass sich Vorarlberg ungefähr auf dem halben Weg vom Äquator zum Nordpol befindet. Die knapp 10° östliche Länge sind ein Wert, der sich heute eingebürgert hat, da sich die Welt 1884 auf den Nullmeridian, der durch Greenwich verläuft, geeinigt hat. Die Bezugslinie war jedoch lange eine andere und der Fixierung 1884 auf das berühmte Observatorium in einem Stadtteil von London gingen intensive Machtkämpfe voran.

Die Entwicklung internationaler Handelsbeziehungen rings um den Erdball machte es im 19. Jahrhundert notwendig, ein einheitliches, standardisiertes Koordinatensystem einzurichten. Nachdem mehrere Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Italien oder Russland nationale Meridiane verwendet hatten, wurde 1884 in Washington eine Konferenz einberufen, die in dieser Angelegenheit entscheiden sollte. Besonders die Meridiane von Greenwich und Paris konkurrierten hier um die Vorherrschaft. Andere Kompromisse, die vorgeschlagen wurden, hätten den Null-Meridian auf den spanischen Kanaren belassen, einige Stimmen schlugen die Pyramiden in Ägypten, wieder andere den Tempelberg in Jerusalem vor. Es setzte sich schließlich eine pragmatische Lösung durch, da sich ein Großteil der Seekarten bereits am Greenwich-Meridian orientierte und eine Umstellung sehr viel Geld gekostet hätte. Es werden aber wohl auch geopolitische Gründe ausschlaggebend gewesen sein, war das British Empire doch die führende Handelsmacht der damaligen Zeit. Es wurde aber auch gemutmaßt, dass eine Verschwörung der Amerikaner mit den Briten die Entscheidung für London und gegen Paris herbeigeführt hätte.

In Vermessungsurkunden oder in der Katastralmappe des k.u.k. Militärgeographischen Instituts und dessen Nachfolgeorganisation, dem Österreichischen Bundesamts für Eich- und Vermessungswesen, wird die östliche Breite von Bregenz mit etwa 27°angegeben, also weit entfernt von den Werten aus gebräuchlichen Landkarten. Die österreichischen Vermesser orientieren sich immer noch am Null-Meridian von Ferro, heute El Hierro, der westlichsten und vom Tourismus kaum berührten, spanischen Kanareninsel. Sie galt in der Antike als der westlichste Punkt der Welt, und bereits 100 nach Christus wurde hier von antiken Geographen der Null-Meridian fixiert. So wurde diese Konvention für die Karten bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgeblich, auch wenn man im Mittelalter vergessen hatte, dass die Kanaren überhaupt existierten. Noch heute erinnert dort ein Leuchtturm an den alten Null-Meridian, der nach der Wiederentdeckung der Kanaren im 14. Jahrhundert ebenda wieder bestätigt wurde, weil dadurch ganz Europa einheitlich östliche Längengrade erhielt. Der Grund, warum Österreich sich immer noch an Ferro orientiert, ist eher zufällig: Das Gradnetz der Erde ist ein gedachtes Koordinatensystem mit sich rechtwinklig schneidenden Längen- und Breitenkreisen. Da die Realität aber aufgrund der ellipsoiden Form der Erde davon abweicht, wurden von Geodäten Zonen von drei Breitengraden zu Meridianstreifen zusammengefasst, um die Abweichungen auf der Karte möglichst zu minimieren. Weil Österreich bei der Orientierung nach Ferro in drei Streifen Platz findet, nach Greenwich bemessen, dafür aber vier nötig wären, ist die kleine Kanareninsel immer noch Bezugspunkt für das österreichische Vermessungswesen. Allerdings verlieren die traditionellen Bezugspunkte heute immer mehr an Bedeutung, da sie vom UTM- (Universal Transverse Mercator) System, einem globalen Koordinatensystem, verdrängt werden.

Historische Landkarten

Die Vorarlberger Landesbibliothek verfügt über rund 300 historische Landkarten. Die älteste Karte wurde von David Seltzlin gestochen und stammt aus dem Jahre 1572. Sie zeigt in altkolorierter Ausführung den Schwäbischen Kreis. Zum historischen Bestand zählen etliche bekannte Karten wie etwa die so genannte Vor­arlbergkarte des Blasius Hueber aus dem Jahre 1783 oder die in neun Blättern erschienene Schwabenkarte von Michael Seutter von 1725. Die Landkarten sind inhaltlich erschlossen und über den Bibliothekskatalog abrufbar. Ist der Beschreibung bereits ein Digitalisat der Karte beigefügt, kann dieses in einer sehr guten Auflösung kostenfrei heruntergeladen werden.

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