Christoph Jenny

ehemaliger Direktor der Wirtschaftskammer Vorarlberg

(Foto: © Dietmar Walser)

Berufsorientierung ausbauen, nicht aussetzen

Februar 2021

Berufsorientierung ist wohl ein Prozess, den alle Menschen irgendwann und oft mehrmals durchlaufen. Welchen Beruf werde ich später einmal ausüben? Welche Erwartungen stellt man an seinen Ausbildungsberuf? Welchen Abschluss brauche ich für meinen Berufswunsch? Mit diesen und ähnlichen Fragen werden Schülerinnen und Schüler schon sehr früh während ihrer schulischen Laufbahn konfrontiert. Und doch stellt der Übergang von der Schule in den Beruf für viele Schülerinnen und Schüler eine große Herausforderung dar. Es braucht Orientierung. In Corona-Zeiten kein leichtes Unterfangen. Der so wichtige persönlicher Kontakt war in vielen Fällen nicht möglich. Unsere Bemühungen – und die der Unternehmen – um die duale Ausbildung haben darunter gelitten. Nicht zuletzt deswegen wurde 2020 weniger ausgebildet. Aber nicht, weil die Betriebe keine Lehrlinge mehr wollen oder keine Fachkräfte mehr gesucht sind. Nein, weil eben der persönliche Kontakt gefehlt hat. Gerade für Jugendliche mit schlechten schulischen Leistungen sind Schnuppertage aber sehr wichtig, da sie in der persönlichen Begegnung oftmals die Lehrherren durch ihr Auftreten und ihre Fähigkeiten doch noch überzeugen können, ihnen eine Chance zu geben. Eine Profilierung über die Persönlichkeit der Kandidat/-innen trotz bescheidenen Noten blieb also derzeit meist aus.
Die Betriebe haben längst mit umfassende Sicherheits- und Hygienemaßnahmen reagiert, weil sie wissen, wie wichtig Praxis- und Schnuppertage für beide Seiten in der Entscheidungsfindung sein können. Es mehren sich aber nun die Gerüchte, dass das Bildungsministerium die individuelle Berufsorientierung bis Ostern aussetzen will, aus Sicherheitsgründen. Keine gute Optik, die allein die Verunsicherung bei Eltern und Jugendlichen unnötigerweise steigen lässt.
Im vergangenen Jahr waren die Unterstützungsstrukturen für Jugendliche aufgrund von Corona und der geschlossenen Schulen bereits deutlich eingeschränkt, nun die Berufsorientierung auch für die kommenden Monate zu verunmöglichen, würde vielen Jugendlichen berufliche Perspektiven und Alternativen nehmen und ist kein gutes Signal für den Wirtschaftsstandort Vorarlberg, der trotz hoher Arbeitslosigkeit weiter nach Fachkräften sucht. Die individuelle Berufsorientierung Jugendlicher dient auch als Unterstützung und Hilfe für die Unternehmen, geeignete Lehrlinge und zukünftige hoch qualifizierte Fachkräfte zu finden.

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