Manfred Hämmerle

Direktor der BHAK und BHAS Bregenz und seit 30 Jahren in der Ausbildung für Lehr­personen, unter anderem an der WU Wien, tätig

Unternehmerisches Denken in der Schule fördern. Aber wie?

Februar 2021

Meine Töchter hatten das große Glück, in der Volksschule Dornbirn Oberdorf bei einem tollen Projekt mitmachen zu dürfen. Eine Woche war die Schule „Liliputanien“, eine vereinfachte Abbildung der Welt. Es gab Unternehmen, eine Rettung, eine Gärtnerei, Spielgeld, eine Bastelecke, ein Arbeitsamt usw. Diese Simulation der Wirklichkeit ist uns allen in bester Erinnerung geblieben. Sie dauerte eine ganze Woche und hat nachhaltig beeindruckt, weil die Kinder mit großer Begeisterung dabei waren und viel lernten.
Der große Pädagoge Hans Aebli forderte schon vor vielen Jahren, dass es Aufgabe der Schule und der Lehrperson sei, die Wirklichkeit in die Schule zu bringen oder noch besser „mit den Lernenden in die Wirklichkeit zu gehen.“ Dies sei deshalb so wichtig, weil es nicht nur das Lernen erleichtert, sondern weil es vor allem auch den Willen, Verantwortung sowohl für das eigene Leben als auch für die Gesellschaft zu übernehmen, fördert. Außerdem unterstütze es die Fähigkeit, sich in andere Rollen zu versetzen und begünstige das Verständnis für unterschiedliche Positionen. Diese differenzierte Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit motiviere, sich zu engagieren und unterstütze den Glauben, etwas bewegen zu können.
Betrachtet man die wirtschaftliche Situation in Vorarlberg, so waren und sind es Menschen, die Verantwortung übernommen haben beziehungsweise übernehmen, um etwas zu entwickeln und zu gestalten, indem sie Unternehmen gründen und führen. Sie schaffen Arbeitsplätze und damit Wohlstand. Diese Pioniere sind großteils hier geboren und sozialisiert worden. Wir sind dadurch weniger darauf angewiesen, dass jemand von außen kommt und Arbeitsplätze schafft. Das Motiv dieser Investoren dürfte in erster Linie die Rentabilität des eingesetzten Kapitals sein, während es bei einheimischen Unternehmern wohl auch der Wille zur Gestaltung der eigenen Umgebung sein wird. 

Josef Schumpeter, der wichtige österreichische Ökonom, führt zu den Motiven von Unternehmern Folgendes aus:

  • „Da ist zunächst der Traum und der Wille, ein privates Reich zu gründen, meist, wenngleich nicht notwendig, auch eine Dynastie.“
  • „Da ist sodann der Siegerwille ...“ „... wirtschaftliches Handeln als Sport ...“
  • „Freude am Gestalten ist eine dritte solche Motivationsfamilie ...“
  • oder: „... bloße Freude am Tun ...“
  • „... Freude am Werk ...“

Wir erleben in der Schule insbesondere dann Schüler, die „Freude am Tun“ haben, wenn sie sich die Aufgabenstellung selbst aussuchen können, wenn sie in die Problemstellung involviert sind und wenn sie Ergebnisse präsentieren können. Wenn sie also gleichsam Freude am eigenen Werk haben. Manches Mal scheint es sogar sinnvoll zu sein, dass sich die Lehrperson zurückhält, den Schülern ihr Schaffen ermöglicht, sie begleitet und ermutigt, ihr Projekt zu gestalten. Diese Abwechslung zum Alltag, neben der so wichtigen Instruktion (dem Frontalunterricht), ist eine zentrale Ergänzung. Sie fördert die Selbstverantwortung und die Freude an der Schule. In diesem Sinne ist die Einführung der Vorwissenschaftlichen Arbeit in den AHS und der Di­plomarbeit in den BHS eine sehr sinnvolle Entscheidung. Das kann die „Krönung“ der Förderungen von Haltungen und Fähigkeiten im Schumpeterschen Sinn sein. Eine gute Vorbereitung ist allerdings unerlässlich. Wie oben angemerkt, sollte „die Auseinandersetzung mit der Welt“ über die gesamte Schulkarriere ein Teil des Curriculums sein. Ganz konkret fördern folgende Methoden und Aktivitäten die genannten Ziele, die neben klassischen Methoden eingesetzt werden sollten: (einfache) Planspiele, Exkursionen, Rollenspiele, (einfache) Projekte, Teamtrainings, Simulationen mit oder ohne Computerunterstützung, Erstellung von (einfachen) Businessplänen, Diplomarbeit beziehungsweise Vorwissenschaftliche Arbeit.
Wenig hilfreich ist die – heute übliche – „Generalkritik“ samt Vorschlägen zur „Totalveränderung“ der Schule, die ich sehr kritisch sehe, weil sie vollkommen undifferenziert über alle Schultypen geäußert wird. Josef Aff, ein österreichischer Wirtschaftspädagoge, betont die Bedeutung der Aufklärung über wirtschaftliche Zusammenhänge neben dem Grundlagen- und dem Anwendungswissen. 
Diese Aufklärung gelingt dann, wenn über die Ergebnisse des lebensnahen Unterrichts reflektiert wird. Beispielsweise ist die differenzierte Diskussion über Motive von Unternehmern sehr wichtig, weil durchaus einseitige Bilder über Unternehmer in Österreich zu beobachten sind. Leider meinen manche, dass es sich um Menschen handelt, die in erster Linie das Ziel haben, die Mitarbeiter und Kunden „auszubeuten“. Dazu sei auf das Interview mit Franz Schellhorn „Das ist ein Drama“ verwiesen, das im Oktober 2020 in „Thema Vorarlberg“ veröffentlicht worden ist.
Es geht also um Haltungen und Einstellungen gegenüber der Bedeutung von Unternehmertum oder neudeutsch „Entrepreneurship“. Ziel sollte sein, die Führung von Unternehmen als „gemeinsame“ Sache von Unternehmer und Mitarbeiter zu sehen, dabei aber nicht zu vergessen, dass es durchaus unterschiedliche Interessen gibt. Eine wichtige Zielgruppe sind dabei auch die Lehrpersonen, die, sehr oft auch mit Vorurteilen konfrontiert, „ins Boot geholt“ werden müssen. Dann sind sie bereit, jungen Menschen ein unvergessliches Erlebnis zu organisieren – so, wie es eingangs beschrieben wurde.

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