Martin Rümmele

Der gebürtige Vorarlberger ist langjähriger Gesundheits- und Wirtschaftsjournalist und lebt und arbeitet in Wien und Kärnten. Er ist Autor mehrerer kritischer Gesundheitsbücher u.a. „Zukunft Gesundheit“ und „Medizin vom Fließband“ und wurde mehrfach für seine Arbeiten über Zusammenhänge von Wirtschaft und Medizin ausgezeichnet. Er ist zudem Herausgeber des ganzheitlichen Gesundheitsmagazins „lebensweise“.

CORONA – Die nicht greifbare Pandemie

März 2020

Abgesperrte Städte, rund um die Uhr tagende Einsatzstäbe, fallende Börsenkurse, abgesagte Großveranstaltungen, geschlossene Schulen und Universitäten, Hamsterkäufe: Das neue Corona-Virus – genau: SARS-Cov-2 – versetzt derzeit Medien, Wirtschaft, Politik und Bevölkerung weltweit in Panik. Je näher die Infektionsfälle rücken, desto unruhiger werden alle. Mit handfesten Folgen.
Etwa auf die globale Wirtschaft: Das Virus kann nach Einschätzung der OECD die Weltwirtschaft hart treffen. Sollte sich die Situation nicht bald bessern, sondern weitere Staaten betroffen sein, könnte das Wachstum heuer auf eineinhalb Prozent fallen. Umgekehrt könnte die Weltwirtschaft um 2,4 Prozent wachsen – nach 2,9 Prozent im Jahr 2019. Eine Unsicherheit, die vor allem die Börsen destabilisiert, denn das mögen Investoren gar nicht: Unklarheit. 

Analysten gehen davon aus, dass das Virus eine Konjunkturerholung verzögern könnte. China ist etwa ein wichtiger Handelspartner Deutschlands und für die Autoindustrie der wichtigste Einzelmarkt. Umgekehrt ist China ein wichtiger Lieferant von Konsumprodukten und Zulieferer. SARS-Cov-2 hat das Potenzial, das bisherige Denken über globale Wertschöpfungsketten nachhaltig zu verändern. Denn die Entwicklungen zeigen die Schwächen der bestehenden Systeme auf: die Abhängigkeit vor allem von China. Das gilt auch für den Arzneimittelbereich. Noch habe sich die Epidemie in China nicht auf die Medikamentenversorgung ausgewirkt, sagt Christa Wirthumer-Hoche, Leiterin der AGES Medizinmarktaufsicht und Vorsitzende des Managementboards der Europäischen Arzneimittelagentur EMA. Es zeige aber, wie abhängig Europa von Medikamentenlieferungen aus China ist, sagt sie. Wirkstoffe für Schmerzmittel, Antibiotika, Blutdruck- oder Cholesterinsenker werden fast nur noch in China hergestellt. Europa sei bis zu 80 Prozent abhängig von der Wirkstoffproduktion in Asien, sagt Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne).
Ein zusätzliches Problem ist, dass Notenbanken nicht wie früher reagieren können. Die Geldhüter können zwar versuchen, mit Billiggeld die Kauflaune von Unternehmen und Konsumenten anzukurbeln. Gibt es aber schlicht wenig oder nichts zu kaufen, hilft das nichts. Und wird weniger produziert und konsumiert, muss auch weniger transportiert werden. Das könnte eine Abwärtsspirale in Gang setzen, fürchten Beobachter. 

Doch wie gefährlich ist das Virus selbst? Die Anzeichen mehren sich, dass es kaum gefährlicher ist als bereits bekannte Grippe-Viren. Auch die Sterblichkeit dürfte nicht höher sein, sagen Fachleute. Das Problem: So genau weiß es noch niemand. „Die Informationen, die wir aus China und anderen Ländern haben, zeigen, dass die Erkrankung oft einen leichten Verlauf nimmt. Schwer betroffen sind alte und gebrechliche Menschen und solche mit Vorerkrankungen“, sagt der Biotech- und Virenexperte Norbert Bischofberger. Der aus Mellau stammende und in Kalifornien lebende Experte hat einst das Grippemittel Tamiflu entwickelt und das Medikament Sovaldi gegen das Hepatitis-C-Virus zur Markt­reife gebracht. Die Verläufe machen aber die Eindämmung des Virus schwer. „Diagnostiziert werden ja nur jene, die Symptome haben. Auf jeden Diagnostizierten kommen vermutlich 100 mit leichteren Verläufen, die nicht auffallen.“ Das bedeute, dass das Virus nicht so gefährlich sein könnte, wie viele sagen. Es bedeute aber auch, dass es schon länger bei uns und weiter verbreitet sei, als man denke. Das bestätige sich etwa dadurch, dass in vielen Ländern wie in Italien beim ersten Patienten der Weg der Infektion nicht mehr nachvollzogen werden könne. Der sogenannte Patient Null sei vermutlich längst wieder gesund. Das Virus werde erst dann sichtbar, wenn der erste Patient mit schweren Symptomen im Spital liege.

Das fehlende Wissen mache die Suche nach einem Impfstoff oder einem Medikament so kompliziert. „Es gibt jetzt Berichte über Impfstoffe, doch was wirklich gefunden wurde, sind Impfkandidaten, die passen könnten. Ich schätze, wenn alles glatt läuft, haben wir erst Ende 2021 einen Impfstoff.“ Denn neben der Frage, welche Vakzine wirkt, stelle sich auch die Frage, wie lange der Schutz anhalte. Manche Impfungen würde etwa eine Zweitimpfung brauchen wie jene gegen Hepatitis-B. Dazu komme die Frage der Nebenwirkungen. „Die sind für normal sehr niedrig. Wenn wir aber Millionen Menschen impfen, wird man auch Fälle von Nebeneffekten sehen. Das ist ein Risiko, das man abwägen muss. Das braucht seine Zeit.“ 
Ähnlich komplex sei die Suche nach einer Therapie. „Wenn man eine Grippe hat, muss man binnen 48 Stunden Tamiflu nehmen, um die Erkrankung abzufangen. Der Grund ist, dass der Virushöhepunkt in drei Tagen erreicht ist, danach ist der Schaden nicht mehr rückgängig zu machen“, sagt Bischofberger. Bei Corona kenne man den Punkt aber noch nicht, wo man noch rechtzeitig agieren kann. „Wir wissen auch noch zu wenig über die Inkubationszeit.“ Nicht zuletzt deshalb und aufgrund der raschen Ausbreitung seien die Maßnahmen der Regierungen derzeit gerechtfertigt, betont der Experte. Wirklich eingrenzen lasse sich das Virus aber wohl nicht. „Corona wird sich vermutlich verhalten wie gewöhnliche Grippeviren. Es gibt aber noch viele Unbekannte, und deshalb muss man alles versuchen und das Beste geben. Ob es funktioniert hat, wird man später sehen.“

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