WALTER HÖMBERG

Walter Hörmberg hat sich intensiv mit Falschmeldungen und Medienfälschungen befasst. Er war mehr als zwei Jahrzehnte Ordinarius für Journalistik an der Universität Eichstätt. Gegenwärtig lehrt er als Gastprofessor an der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kultur- und Wissenschaftskommunikation sowie Medien- und Kommunikationsgeschichte. Er hat mehrere Buchreihen herausgegeben.

Echte Falschmeldungen

März 2019

Fake News und die Qualitätsfallen im Journalismus

Robbie holte Show aus dem Koma“ – unter dieser Schlagzeile berichtete das Wiener Boulevardblatt „Österreich“ am 4. Dezember 2010 über die Fernsehsendung „Wetten, dass…?“ vom Vorabend. „Robbie Williams und Take That wieder vereint und das auf der Gottschalk-Couch. Eine Premiere: Robbie trat in der Show zweimal auf, einmal solo und dann mit Band.“ 
In Wirklichkeit verlief die Sendung ganz anders. Kurz nach Beginn stürzte Wettkandidat Samuel Koch beim Sprung über ein entgegenkommendes Auto, das sein Vater steuerte. Die Live-Übertragung wurde abgebrochen. Die angekündigten Auftritte von Robbie Williams und weiteren prominenten Gästen blieben den geschockten Zuschauern erspart. 
Der Verfasser des Artikels war in die Aktualitätsfalle getappt: Er hatte seinen Beitrag „kalt“ geschrieben und bereits vor dem Ereignis in Druck gegeben. Aber nicht nur Boulevardzeitungen, sondern auch Qualitätsmedien sind immer wieder auf Falschmeldungen hereingefallen. Fünf weitere Qualitätsfallen sollen im Folgenden an Beispielen aus Geschichte und Gegenwart dargestellt werden.

Die Quotenfalle

Im Dezember 1996 verurteilte das Landgericht Koblenz den damals 38-jährigen Michael Born wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Volksverhetzung zu vier Jahren Haft. Er hatte fast zwei Dutzend gefälschter Filme an deutschsprachige Fernsehsender verkauft. Die meisten waren vom Boulevardmagazin „Stern TV“ auf RTL ausgestrahlt worden, das damals ein gewisser Günther Jauch leitete und moderierte. Born hatte seine Beiträge „aufgehottet“, durch Fake-Elemente künstlich dramatisiert. Das Gericht bestrafte ihn nicht wegen Betrugs am Zuschauer, sondern wegen Betrugs an den Sendern, obwohl die doch gerade von steigenden Einschaltquoten und höheren Werbeeinnahmen profitiert hatten. Seit Einführung des Privatfernsehens wurde die Reizschraube immer stärker angezogen. 

Die Auflagenfalle

Der Quotenfalle im Rundfunk entspricht bei der Presse die Auflagenfalle. Hierher gehören zum Beispiel frei erfundene Zustandsberichte über das Leben von Prominenten, ob sie nun Soraya, Sinowatz oder Schumacher heißen. Auch der europäische Adel ist immer ein dankbares Berichtsobjekt: Das erste Geburtsbild des kleinen Louis Robert von Monaco erschien bereits ein halbes Jahr vor der Niederkunft seiner Mutter auf dem Cover der Zeitschrift „Die Aktuelle“, die damit ihrem Namen alle Ehre machte. Nicht nur die bunten Blätter, sondern auch traditionsreiche Nachrichtenmagazine sind Fälschern auf den Leim gegangen.

Die Originalitätsfalle

Angesichts wachsender Angebotskonkurrenz verlangt die Aufmerksamkeits­ökonomie nach immer neuen Reizstoffen. Auch die sogenannten Qualitätsmedien wollen da mitmischen. Ein Paradebeispiel bot das „SZ-Magazin“, die Freitagsbeilage der „Süddeutschen Zeitung“. Die dort abgedruckten Interviews mit Hollywoodgrößen wie Sharon Stone, Brad Pitt und Kim Basinger waren „exklusiv“ im doppelten Wortsinn: außergewöhnlich – und frei erfunden. Ihr Autor Tom Kummer versuchte sie später als „Konzeptkunst“ verbal zu veredeln, aber auch in der Rolle eines angeblichen Medientheoretikers machte er eine klägliche Figur. 
Kummer ist nicht ohne Nachahmer geblieben. Vor wenigen Wochen erst musste das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ einräumen, jahrelang fehlerhafte Reportagen gedruckt zu haben. Der Redakteur Claas Relotius hatte immer wieder Geschichten manipuliert, angebliche Fakten erfunden und Gesprächspartner mit frisierten Zitaten präsentiert, ohne dass die riesige Dokumentationsabteilung des Blattes ihm auf die Schliche gekommen war. Für seine Texte war der 33-Jährige, der auch in österreichischen Medien publiziert hat, mehrfach mit renommierten Journalistenpreisen ausgezeichnet worden.

Die Instrumentalisierungsfalle

Die Medien sind in der Geschichte immer wieder Opfer politischer oder ökonomischer Instrumentalisierung geworden – von Bismarcks „Emser Depesche“ über die Bilderfälschungen der Faschisten, Stalinisten und Maoisten bis zu den amerikanischen Kriegen in Vietnam, am Golf und im Irak gibt es viele Beispiele. Inzwischen werden immer häufiger PR-Agenturen eingesetzt – zur Konstruktion von Feindbildern und zur psychologischen Kriegsführung.

Die Kompetenzfalle

Die sogenannte Accuracy-Forschung hat die Fehleranfälligkeit von Journalisten häufig nachgewiesen. Niemand hat diese Berufsgruppe so drastisch bloßgestellt wie der Wiener Ingenieur Arthur Schütz. Der bellende Grubenhund, den er im November 1911 in die „Neue Freie Presse“ seiner Heimatstadt schmuggelte, ist zu einem medientypologischen Begriff geworden. Er war nur der Auftakt für die Berichterstattung über weitere bemerkenswerte Innovationen wie ovale Wagenräder und feuerfeste Kohlen, Degeneratoren und Paraffinzündholzfabriken, Lokomotiv-Vergaser und kupferne Isolatoren. Bis heute ist die wissenschaftlich-technische Berichterstattung ein Einfallstor für Fakes. Da finden wir dann Meldungen über die erste erfolgreiche Prostata-Transplantation oder über Rindomaten-Zellen, eine gelungene Fusion von Pflanzen- und Tierzellen, die die Herstellung von Hamburgern ungemein erleichtert. 
Grenzüberschreitungen zwischen Fakten, Fake und Fiktion sind also nicht erst seit Beginn des Trumpozäns ein Thema. Die (un)sozialen Medien verschärfen die Problemlage: Falschmeldungen lassen sich inzwischen leicht von jedermann und jederfrau in den Prozess der öffentlichen Kommunikation einschleusen. Allerdings: Die Digitalisierung führt auch dazu, dass diese schneller aufgedeckt werden können. Hölderlin hat die Situation in seinem Gedicht „Patmos“ treffend beschrieben: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

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