Lea Putz-Erath

* 1980 in Niederösterreich, studierte Tourismus- Management, Soziale Arbeit und Erziehungswissenschaften. Lea Putz-Erath ist seit 2016 Lehrbeauftragte an der FHV im Studiengang Soziale Arbeit und seit 2017 Geschäftsführerin femail FrauenInformations­zentrum Vorarlberg. Davor mehrjährige berufliche Stationen als Sozialarbeiterin in Deutschland und den USA. Sie lebt seit 2017 mit ihrer Familie in Vorarlberg.

Menschen, keine Maschinen

Juni 2021

Plädoyer für eine gleichstellungs- und gesundheitsbewusste Wirtschafts- und Familienpolitik.

Jetzt war es im Frühling so weit – Gesundheitsminister Anschober musste zur Sicherung seiner eigenen Gesundheit das Amt zurücklegen. Ein Schritt, der von vielen mit Respekt kommentiert wurde. Offen, klar, schnörkellos geht dieser Mensch mit den hohen Anforderungen, der Dauerbelastung in seinem politischen Amt und seinen individuellen Ressourcen und Grenzen um.
Im Standard kommentiert zum Rücktritt ein anderer ehemaliger Politiker, Reinhold Mitterlehner, unter dem Titel „Wie krank ist die Politik“ die Rahmenbedingungen des Arbeitsplatz Spitzenpolitik so: „Generell ist meine These, dass Politik zwar fordernder ist als viele andere Tätigkeiten, aber auch nicht ‚kränker‘ macht als andere Berufe.“
Und ein paar Tage später präsentiert Familienministerin Susanne Raab gemeinsam mit dem Leiter des Österreichischen Instituts für Familienforschung Wolfgang Mazal den neunten Österreichischen Familienbericht 2009-2019.
Was haben jetzt Familienpolitik und der gesundheitsbedingte Rücktritt eines Ministers miteinander zu tun? Sehr viel, wie ich meine.
Schon länger beschäftigt es mich, wenn Aufgaben und Ausmaß einer Arbeitsstelle nicht zum Beschäftigungsumfang passen. Die Überstundenstatistik zeigt, dass 16,1 Prozent (1) der unselbstständig Beschäftigten in Österreich Überstunden leisten. Wir haben also eine gewisse Tradition mit der Mehrleistung. Und das hat nichts mit dem Beschäftigungsausmaß an sich zu tun. Ich kenne genügend Teilzeitbeschäftigte, die von Tag zu Tag den Packen an nicht erledigten Aufgaben vor sich herschieben, mit einem schlechten Gewissen nach Hause gehen oder versuchen unter zweifelhaften Bedingungen Abends von zu Hause aus vorzuarbeiten.
Mehr ist mehr. Ansehen, Einkommen, Aufstiegschancen, vieles davon hängt in unserer Kultur an der antizipierten Leistungsbereitschaft. Teilzeitbeschäftigte haben weniger Möglichkeiten von beruflicher Fortbildung zu profitieren. Wer bleibt am längsten? Wer muss pünktlich gehen? Wer arbeitet bis zur Selbstaufgabe? Was als ganz normal von Politiker:innen verlangt wird, ist nur die logische Konsequenz dieses Arbeitsethos. Nicht nur in Zeiten der Pandemie. Denken Sie mal daran, welche Polit-Präsenz auf allen Ebenen schon in normalen Zeiten erwartet wird. Die hohen zeitlichen Erfordernisse gelten als einer der Gründe, warum gerade auf kommunal-politischer Ebene der Anteil von Frauen verhältnismäßig gering ist.
Beim Rücktritt von Rudolf Anschober, seinen Schilderungen zum Arbeitsausmaß, der Verpflichtung gegenüber dem Volk, ist mir das Bild des Zölibats eingefallen. Ohne Familie zu sein, das sorge im Idealfall für möglichst große (emotionale, aber auch zeitliche) Verfügbarkeit für den beruflichen Einsatz. Vielleicht erinnern Sie sich aber auch an eine andere zölibatäre Berufsgruppe: die Lehrerinnen (traf wirklich nur Frauen). Bis 1918 verloren Lehrerinnen in Österreich ihren Beamtinnenstatus nach einer Eheschließung. Das „Fräulein“ als Volksschullehrerin ist aber sicherlich noch einigen Menschen bis in die Jahrgänge der 1980er bekannt. Für Frauen spielt die Entscheidung „Familie ODER Beruf“ bis heute eine gewisse Rolle. Die Ausschließlichkeit der einen oder anderen Option ist jedoch in den Hintergrund getreten. „Mehrfachbelastung“ (2) hat sich als das neue Modell etabliert.
Aus dem Tätigkeitsbereich der Wissenschaft kennen wir valide Ergebnisse: für eine „Unikarriere“ braucht es zwei Faktoren: eine Familienstruktur, die dem/der exzellenten Forschenden den Rücken von jeglichen Alltagsaufgaben frei hält und universitäre Mentor:innen, die die Nachwuchskräfte auf erfolgsversprechende Forschungsthemen setzen. Ähnliches erleben wir in der Spitzenpolitik – bei dem hohen Workload und den hohen Erfordernissen an Einsatz braucht es eine Familienstruktur, die den politisch Tätigen den Rücken freihält. Partnerschaftliche Rollenteilung, die beiden Elternteilen ein Ausmaß an Berufstätigkeit und Familiensorge mit Balance ermöglicht, ist unter solchen Bedingungen schwierig bis unmöglich.
Ein Teilergebnis des Familienberichts 2009-2019 ist, dass – knapp zusammengefasst – familien-engagierte Väter in der Arbeitswelt nicht gerade mit offenen Armen empfangen werden. Auch dort, wo rechtliche Rahmenbedingungen für Väterbeteiligung geschaffen wurden, werden sie kaum genutzt (z.B. liegt der Anteil der Väter in Elternzeit in Vorarlberg bei 2,3 Prozent an allen Personen in Elternzeit).
Das hohe Arbeitsethos in unserer Gesellschaft macht eine gesundheitsfördernde Arbeitswelt nicht unbedingt wahrscheinlicher. Das hohe Arbeitsethos in Kombination mit Erwartungen und Erfordernisse an Familie macht partnerschaftliche Familienmodelle nicht unbedingt wahrscheinlicher. Sehen Sie worauf ich hinaus will?
Ich möchte das nicht. Ich wünsche mir Politiker:innen, Manager:innen, Entscheidungsträger:innen die als Vorbilder in allen Lebensbereichen eine gewisse Balance finden. Ich wünsche mir einen gesundheitsbewussten Umgang mit Leistung, einen bewussten Umgang mit den Potenzialen des ganz normalen Lebens mit Familie, Fürsorge, Erwerbstätigkeit und Freizeit. Ich wünsche mir mehr Menschen, die zu ihren Grenzen stehen, mehr Menschen, die sich öffentlich darüber äußern was sie belastet und woraus sie Kraft schöpfen und mehr Arbeitgeberorganisationen, die Familienfreundlichkeit für Eltern und Kinder radikal neu denken. Ich wünsche mir mehr Menschen wie Rudolf Anschober, die vielleicht mit dem Sänger Tim Bendzko einstimmen: „Ich bin keine Maschine, ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut“.

 

1 lt. Mikrozensus 2020
2 Ich nenne es unter Idealbedingungen lieber „Mehrfachentlastung“– aber das ist eine andere Geschichte.

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