Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

Wie viel ist genug?

Juli 2018

Zugegeben: Die Frage lässt sich so, wie sie gestellt ist, nicht sinnvoll beantworten. Robert und Edward Skitelsky, der eine Ökonom, der andere Philosoph in England, stießen dennoch auf viel Interesse mit dem Buch, das diesen Titel trägt. Natürlich fragt sich zunächst einmal: wovon genug? Und dann: für wen genug? Das sind Kernfragen menschlicher Existenz und der Entwicklung der modernen Gesellschaft auf diesem Planeten.
Genügsamkeit lehrte der Begründer der christlichen Religion, und er warnte vor Reichtum und Unersättlichkeit. Jesus Christus betonte nicht direkt die Konsequenzen von Reichtum für die Ökologie, sondern er nannte Bedingungen eines gottgefälligen Lebens. Mittlerweile haben wir aus der Entwicklung unserer Umwelt gelernt, dass „mehr“ schädlich, sogar bedrohlich sein kann – weiter wie bisher zunehmender Verbrauch von natürlichen Ressourcen würde die begrenzte Kapazität der natürlichen Umwelt des Menschen überfordern: der Atmosphäre, der Meere, auch des notwendigen Wassers. Der Bedarf wird unvermeidlich steigen. Die Erdbevölkerung wird noch einige Jahrzehnte zunehmen: von siebeneinhalb Milliarden heute auf rund zehn Milliarden um 2050. Vor 100 Jahren waren es noch nicht ganz zwei Milliarden, vor 20 Jahren sechs Milliarden.
„Die Menschen werden nie GENUG haben“, antwortete der große österreichische Ökonom Kurt W. Rothschild auf unsere Frage. Die letzten Jahrzehnte brachten einen steilen Anstieg des materiellen Wohlstands; allerdings nicht allen gleich viel und nicht überall. Aber in unserem Land wurden, trotz nicht immer glücklicher Geschichte, Armut und Elend überwunden, die noch vor 100 Jahren jährliche Züge von „Schwabenkindern“ auslösten. Auch beachtlichen Reichtum gibt es: Der wird nicht provokant zu Schau gestellt, besonders nicht in Vorarlberg, ausgenommen, man muss mit dem neuesten Cherokee oder Cayenne die Straßen benützen.
Menschen sind unersättlich. Ständig nach der Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse zu streben, ist ihnen eingepflanzt und ist im Prinzip auch nicht verwerflich. Zunächst geht es ja um Grundbedürfnisse: Nahrung, Bekleidung, Wohnung und Gesundheit. Dazu braucht es in erster Linie Produkte, deren Ausgangsmaterial natürliche Rohstoffe sind. Die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft entscheidet über diese unverzichtbare Komponente der Lebensqualität.
„Mehr“ bedeutet jedoch nicht immer „besser“. Ab einer gewissen Menge kann Übersättigung eintreten. Für die Ernährung lässt sich das ziemlich exakt angeben, bei der Kraftfahrzeugdichte auch. Gutes Leben setzt aber mehr voraus als genügend oder reichlich verfügbare materielle Güter: Gerechtigkeit, Glück, Freiheit, Liebe, Mitgefühl, Frieden.
„Beinahe alles, was das Leben lebenswert macht, ist nicht im Sozialprodukt enthalten“, sagte einst Bob Kennedy, der gleichfalls ermordete jüngere Bruder des US-Präsidenten. Qualität des Lebens kann nicht mit der Höhe des Sozialprodukts gemessen werden. Alle Untersuchungen zeigen, dass irgendwann die Steigerung der Wirtschaftsleistung immer weniger Glück und Lebenszufriedenheit bringt. Die Ökonomen nennen das „abnehmenden Grenznutzen“. Gleichzeitig nehmen unangenehme Begleiterscheinungen spürbar zu. Die Zufriedenheit mit den Lebensumständen leidet: Leistungsdruck, Stress, Zwang zur Anpassung und Zivilisationskrankheiten belasten das Wohlbefinden.

Hurra, damit hätten wir also die Lösung der Klimasorgen gefunden: mit „No-Growth“ (Null-Wachstum) leben wir nicht nur besser, sondern verhindern auch die Verschlechterung der Umwelt. Nur leider: Die menschliche Psyche ist komplizierter als diese Theorie. Auch wenn Sättigung erreicht ist, kann man die Beobachtung nicht umdrehen. Bei abnehmender Wirtschaftsleistung werden die meisten Menschen nicht erleichtert, sondern unzufrieden. Sie müssten auf etwas verzichten, an das sie sich gewöhnt haben, sie wollen, dass es immer „aufwärts“ geht. Daher verkündet die Politik, trotz aller Bedenken über Konsumsucht und Materialismus, sie werde das Wirtschaftswachstum „ankurbeln“. Besonders vife Politiker fügen noch das Wörtchen „nachhaltig“ ein. Im Bedarfsfall würden sie beim Wirtschaftswachstum aber auf „nachhaltig“ auch verzichten.

Wir haben die zweite Klarstellung zu unserem Titel noch nicht angeschnitten: „genug für wen?“ Die denkbaren Antworten darauf machen die recht schwierige Problematik noch um einiges komplizierter: Wir haben bisher stillschweigend angenommen, dass Wohlstand, materiell oder immateriell, Zufriedenheit oder gar Glück in der Gesellschaft gleichmäßig oder gerecht verteilt sind. Sind sie natürlich nicht. Wir können jetzt nicht auf skandalöse Manager-Honorare (selbstverständlich niemals in Österreich!) eingehen, die werden auch ausbezahlt, wenn Mist gebaut wurde; auch nicht auf die Transfer-Millionen für Neymar oder Coutinho, nicht auf die neo-marxistischen Thesen eines Thomas Piketty, auch nicht auf progressive Steuern und Steueroasen. Darüber schreiben Ökonomen ganze Bibliotheken.

Nur eine Überlegung: Wirtschaftswachstum und Globalisierung haben in wenigen Jahrzehnten Hunderte Millionen Chinesen aus Hunger und drückender Armut befreit. Weltweit wurde damit die Wohlstandsverteilung etwas gleichmäßiger. Aber der Abstand zwischen dem Wohlstandsniveau bei uns und dem in Teilen Afrikas wurde nicht kleiner, sondern größer.

Die großen Weltregionen verpflichten ihre Gläubigen, Bedürftigen zu helfen. Papst Franziskus ermahnt eindringlich. Einen G7-Gipfel abzuhalten, davon spricht die Bibel nicht. Wohl aber vom „Nächsten“ und dem Gebot der Nächstenliebe. Die „Nächsten“ leben übrigens nicht nur in der eigenen Gemeinde (dort auch, selbstverständlich), sondern auch jenseits des Meeres.
Das erinnert mich an die wunderbaren Werke der Nächstenliebe, die von Vorarlbergern initiiert wurden: Hermann Gmeiner, Erwin Kräutler, Georg Sporschill. Solche Initiativen, etwa um die notwendigste Gesundheitsbetreuung zu organisieren, scheinen in Vorarlberg einen guten Nährboden zu haben: Wenn ich Spendenaufrufe erhalte – und teilweise befolge –, haben sie nicht selten Pfarrer oder Pfarreien in Vorarlberg als Absender. Auch wenn das etwas Geld kostet, fühlt man sich nach der Spende ein bisschen wohler.

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