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Ein politisch korrektes Eigentor

Dass eine Berliner Hochschule ein Gedicht, das seit Jahren an ihrer Fassade prangt, entfernt, weil Studenten es „sexistisch“ finden oder finden könnten, hat viel Gelächter, aber auch Bestürzung ausgelöst – sogar in Kreisen, die selbst eher im Lager der Political Correctness stehen.

„Der Mensch ist weder Engel noch Bestie, und das Unglück will es, dass der, der den Engel geben will, die Bestie gibt.“ Blaise Pascal, 1623 – 1662

Kennen Sie Eugen Gomringer? Falls Sie nicht dem Kunstbetrieb angehören oder Germanistik studierten, wohl eher nicht. Herr Gomringer ist 93, bolivianisch-schweizer Herkunft, lebt in Bayern und hat in den 1950er-Jahren die „Konkrete Poesie“ begründet. Das sind Gedichte, Wörter und Wortgruppen, die zu besonderen Schriftbildern arrangiert sind. Sie können schon einmal Sterne, Äpfel, Trichter und Mauern bilden. Form geht vor Inhalt, korrespondiert aber oft mit ihm. Man hat das bisweilen als Kind in Volksschullesebüchern gesehen.

Der Mann wurde in einen Skandal verwickelt, für den er nach vernünftigen Maßstäben nichts kann, über den aber seit Langem im deutschsprachigen Raum diskutiert wird. 2011 hatte eine Hochschule in Berlin, an der Pädagogen, Sozialarbeiter und Leute für Bildungs- und Gesundheitsberufe ausgebildet werden, an die Fassade ein Gedicht Gomringers malen lassen, nachdem er den Poetik-Preis dieser „Alice-Salomon-Hochschule“ gewonnen hatte. Der spanische Text stammt aus dem Jahr 1951 und heißt „ciudad (avenidas)“, also „Stadt (Alleen)“. Letztlich steht auf der Fassade Folgendes (wir übersetzen):

alleen
alleen und blumen

blumen
blumen und frauen

alleen
alleen und frauen

alleen und blumen und frauen und
ein bewunderer

2016 ging es an der von mehr als 3000 Studierenden, meist Frauen, besuchten Schule los. Der Text sei sexistisch, hieß es. Er stamme aus einer „patriarchalischen Kunsttradition“, kategorisiere Frauen als „Objekte des Anstarrens“ und klischeehafte „schöne Musen“ in Männeraugen.

Dann das Argument mit der sophistischen Klinge: Die StudentInnen verwiesen auf den Platz vor der Uni, wo wegen einer U-Bahn-Station besonders viele Männer umgingen, deren Blicken frau sich oft negativ ausgesetzt fühle. Der Text also, hieß in es in einem offenen Brief, „erinnert uns unangenehm daran, dass wir uns als Frauen nicht in die Öffentlichkeit begeben können, ohne für unser körperliches Frausein ,bewundert‘ zu werden“. Die Bewunderung sei „häufig unangenehm“ und könne „zu Angst vor Übergriffen“ führen.

Kurz: Das Gedicht wird als sexistisch, zumindest als unangenehm empfunden, oder kann oder könnte das werden. Darum muss es weg, forderte 2017 die Studentenvertretung, damit es niemanden stören möge. Und dem Akademischen Senat der Schule fiel nichts Erwachseneres ein, als sich im Jänner dem Gequengel zu beugen. Heuer noch wird der Wandtext im Zuge einer Renovierung ausgetauscht. Übrigens gegen den einer Lyrikerin. Immerhin würden die Texte künftig alle fünf Jahre ersetzt, hieß es.

Wir ersparen uns Details, aber fragen, wieso das Bewundern einer Person sexistisch sein soll. Und wie kann es diskriminierend sein, wenn Frauen in einem positiven Kontext erscheinen? Es muss ja nicht körperlich gemeint sein, es kann um Taten und Werke gehen: Margaret Thatcher, Indira Gandhi, Marie Curie, Mutter Theresa lassen sich im asexuellen Sinn bewundern. Diese Studentinnen aber zeigen, dass das Sexuelle im Fokus ihres Denkens (oder Argwohns) steht und nicht eben positiv geladen sein dürfte. Vermutlich finden sie das Bewundertwerden von Männern durch Frauen ebenfalls sexistisch und klischeehaft. Also ist Bewundern nur auf derselben Gender-Ebene okay, oder?

Die Umtriebe lösten viel Kritik aus, auch abseits des Shitstorms von rechts, nämlich sogar aus Journalisten- und Künstlerkreisen, die gern in ähnlich links der Mitte liegenden Gefilden der Political Correctness und Antidiskriminierung umgehen: Die Aktion bestätige Menschen, „die alles auf sich beziehen, denen eine Assoziation genügt, um etwas unter Diskriminierungsverdacht zu stellen“, hieß es. Vielfach ist die Rede von Zensur und Angriff auf die Kunstfreiheit, von „getarnten faschistoiden Motiven“, „dummer Heuchelei“, „Intoleranz“. Für die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff ist übertriebene Political Correctness „Ausdruck von blankem Hass“. Und Gomringer ist sauer.

Als sich rund 200 österreichische Schriftsteller, darunter Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, als entsetzt über den „zensorischen Eingriff“ erklärten, war klar, dass sich die politisch Korrekten mit dem Akt dünnhäutiger, weltfremder Peinlichkeit ein öffentliches Eigentor geschossen und den „Goldenen Orwell“ verdient hatten.

Auch andernorts tönt es von angeblichen Diskriminierungen (nicht nur) in der Kunst, werden Bilder abgehängt, Bücher angeprangert. Im Visier sind vor allem Werke toter Künstler, nicht nur Menschen, gegen die im Zuge der überhitzten #MeeToo-Sintflut oft aus dem Dunkel heraus angeklagt und über klassische Medien sowie (a)soziale Medien wie in einem riesigen Geschworenengericht geurteilt wird, wo die Unschuldsvermutung passé ist. Wo die Beweislast prozessrechtswidrig zu Lasten des Beschuldigten verdreht ist und ein modriger Hauch von Kafkas „Der Prozess“ weht. Bilderstürme und Zensurforderungen „korrekter“ Moral und gestörter Befindlichkeit wegen. Personen, die Missliebiges äußern, zumindest eine „dissenting opinion“ wagen, drohen Shitstorms von links. Dort ist diese Waffe legitim, ja zur Kunstform erhoben; man hat sie ja auch früher als die böse Rechte für sich entdeckt.

Es war seit den 1990ern abzusehen, als die Political Correctness aus US-Universitäten und Medien in Europa einsickerte (zuerst in Unis und Schulen), welche Zuspitzungen das haben und zu welch Spannungen das führen würde. Als Teenager der 1980er wage ich zu sagen, dass dieses Jahrzehnt eines war, wo „anything goes“ das Motto war, gerade in Jugendalltag und -kultur, wo es zumindest so schien und man dachte, die hemmende Ära des Autoritären und Ideologischen halbwegs hinter sich zu haben. Es war die Zeit, als im Gefolge der 1968er – von Disco, Punk, New Wave, Neue Deutsche Welle und Eighties-Popkultur – erst einer aktiven Linken, dann einer kräftigen Entideologisierung, von neuer Technik, Hedonismus und Gier ein hohes Maß an Ungezwungenheit, von „Ich-scheiß-mir-nix“ und Freiheit im Ausdruck herrschte.

Dann bekamen Grüne und stark Linke Zweifel am Laissez-faire – nicht immer unberechtigt, etwa beim Umweltthema. Das vereinte sich mit dem hemmenden Moralharz der Political Correctness und sickerte in weitere Teile der Gesellschaft.

Spätestens seit den 2000ern ist das Motto „Darf man das?“, „Das geht so nicht“, „Das kann man so nicht sagen“. Statt Freiheit und Mut Tabus, Zensur und geistiges Zäuneziehen. Eigentlich sind gerade jüngere Leute jetzt oft illiberaler als wir in den Achtzigerjahren. Irgendjemand ist immer beleidigt und man zieht die Grenzen als Sprachschrankenwärter selbst, in einer eiertänzerischen Das-geht-so-nicht-Welt. Dafür braucht es gar keinen Staat oder Religionen mehr.

Mitgrund der Zuspitzung ist der „Sensibilitätsgenerator“: Wer sich für Political-Correctness-geschützte Personengruppen, denen er/sie nicht angehören muss, und ebensolche Werte besonders einsetzt (das Modewort lautet „engagiert“), ist wie ein Radar, das sein Umfeld nach Bedrohungen und Insults absucht. In Maßen ist das normal und zeugt auch von Mitmenschlichkeit. Das System neigt aber zur Hypersensibilisierung, letztlich zu einer der pathologischen Art: Wenn Gefahren, Diskriminierungen, Beleidigungen geortet werden, die nach allgemeiner Vernunft gar nicht da sind. Solche Menschen werden zu Prinzen und Prinzessinnen ohne Erbse: Sie spüren eine Erbse unter der Matratze, auch wenn die Erbse gar nicht da ist.

Daraus folgt auch die Neigung, von mehreren möglichen Interpretationen einer Aussage stets die denkmöglich Negativste als vom Urheber gemeint zu unterstellen. Die negative Erwartungshaltung nährt Diskriminierungsortungswahn, durch den alles latent diskriminierungsbereit wirkt. Nun geben sich allerdings Menschen, die das Political-Correctness-Getue nervt, gern absichtlich politisch unkorrekt, um Political-Correctness-„Kämpfer“ zu necken. Political Correctness wurde also insgesamt nicht nur zum Phänomen, das Unfrieden säen kann, sondern auch zum Bumerang, weil man sich das Leben und die Anliegen selbst erschwert.

Kardinal Richelieu (1585 bis 1642) wusste schon, was er mit dem Satz meinte: „Man gebe mir sechs Zeilen, geschrieben von der Hand des redlichsten Mannes, so werde ich darin etwas finden, um ihn an den Galgen zu bringen.“ Wer etwas finden will, das ihm nicht passt, wird es finden – oder zur Not bloß behaupten, speziell, wenn man die Quelle der Äußerung nicht mag. Am Ende steht die Anmaßung der Political Correctness, gegen etwas zu streiten, selbst wenn es nur als diskriminierend aufgefasst werden könnte. Wie in der Causa Gomringer. Oder vor Jahren anlässlich eines „Falter“-Covers zum Thema straffällige Migranten, von dem der Presserat befand, es sei „rassistisch“: Das sei zwar nicht Ziel der Zeichnerin gewesen, aber es komme in der Bewertung „ausschließlich“ darauf an, „wie es vom Leser wahrgenommen wird oder wahrgenommen werden kann“.

Womit wir wieder bei den PrinzessInnen auf der Erbse sind. Mit dieser Begründung lässt sich alles ankreiden, selbst wenn es die zehnte beleidigte Leberwurst von links nur behaupten könnte oder das aus Lust an (Opfer?)Inszenierung auch nur sachgrundlos aus einer Laune heraus behauptet.

Aus theoretischen Möglichkeiten wachsen Folgen für die Realität: So wurden seither etwa Medienmenschen en masse herangezogen, die aus vorauseilendem Gehorsam ihre Sprache glattbügeln, um nicht anecken zu können. Es sind etwa die Leute, die laut fragen „Kann man das so sagen?“; „Kann man’s als beleidigend sehen, wenn ich eine Frau als ,burschikos‘ beschreibe?“; „Darf man noch ,behindert‘ sagen?“.

Über die Insassen der Empörungsbereitschaftsanstalt, denen auch das zumutbare Quantum an Etwas-aushalten-müssen fehlt, hat eine bekannt linke Kolumnistin in Wien einmal geschrieben: „Manchmal möchte ich in die Köpfe dieser Menschen hineinschauen, möchte wissen, wie sich das anfühlt: Immer nur Böses zu sehen, selbst dort, wo gar nichts Böses ist.“
Sie hatte damit allerdings ausdrücklich FPÖ-Funktionäre und -Wähler, die Kronen-Zeitung, rechte Internet-Trolle und Hassposter gemeint.

PS: Die Political-Correctness-Show geht weiter. Im März wurde eine Gemeinde in Schleswig-Holstein bekannt, weil der Bürgermeister eine Ausstellung von Gemälden im Rathaus zugelassen hatte, die unter anderem Frauen zeigen – oft mit nackten Schultern, barem Rücken. Oder schlicht einen hochhackigen Lederstiefel. Das empörte einige GemeinderätInnen von SPD und Grünen so, dass die Bilder während der Ausstellungsdauer bei jeder Sitzung verhüllt wurden.

Der SPD-Bürgermeister sagte, man möge „darüber nachdenken, ob wir nicht gelegentlich übers Ziel hinausschießen, wenn wir Betroffenheit reklamieren“. In der Basler Zeitung klagte Kommentatorin Tamara Wernli endlich einmal an, dass die Gesellschaft vor „Dauerempörten“, ja vor jedem „Mückenfurz“ so leicht einknicke. Und: „Müssen wir uns mobben lassen vor einigen Hypersensiblen? Das wirkliche Problem sind nicht die Stänkerer, sondern jene, die ihren lächerlichen Forderungen nachgeben. (...) Durch das Nachgeben werden Errungenschaften und liberale Werte wie künstlerische Freiheit, Meinungsfreiheit und Toleranz, die vor Jahrzehnten hart erkämpft wurden, über den Haufen geworfen. Das ist fatal.“ Gomringer reloaded, also. Und der Maler, Kai Piepgras, ist seither berühmt geworden.

07.04.2018

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Wolfgang Greber

* 1970 in Bregenz, Jurist, seit 2001 bei der „Presse“ in Wien, seit 2005 im Ressort Außenpolitik, Sub-Ressort Weltjournal. Er schreibt auch zu den Themen Technologie, Raumfahrt, Militärwesen und Geschichte.

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