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Freespace

Die 16. Architekturbiennale in Venedig widmet sich Grundfragen der Architektur: der Qualität von Raum und ihrer Wahrnehmung.

Als „Freespace“ verstehen Yvonne Farrell und Shelley McNamara jene Gesten der Großzügigkeit, die den sogenannten „Mehrwert“ von Architektur als reflektierter Form des Bauens und Raumdenkens entstehen lassen, so wie Freespace als kulturelle Praxis überall dort zu finden ist, wo das Geistige, das Feinsinnige, das Überlegte, das Menschliche Gestalt bekommt. So haben die beiden Architektinnen, die diese Biennale kuratieren, auch eine Ausstellung gestaltet, die den Raum als Raum behandelt und nicht bloß als Rahmen für eine Ausstellung. Vielfach kritisiert als „messeähnlich“ wirkt das Arsenale, jenes heute für die Biennalepräsentation genütze ehemalige Militärareal, diesmal wohl geordnet wie schon lange nicht. Es will sich keine Hektik einstellen in dieser Abfolge, denn wer Werk um Werk sorgsam studiert, wird belohnt durch Einblicke in großartige Architekturprojekte, die nicht laut schreien, sondern leise auf das verweisen, was aus den jeweiligen Kontexten herausgewachsen ist. Es ist eine Biennale für sensitive Besucherinnen und Besucher geworden, die sich nicht selbst bestätigen wollen, sondern etwas Neues erfahren. Projekt um Projekt spannt sich ein Kosmos auf, unterbrochen von teilweise großartigen Präsentationen der Länder, die auch im Arsenale ihre Flächen und Räume bespielen.

Der heurigen Architekturbiennale wurde vielfach zur Last gelegt, sie wäre unpolitisch. Ist es legitim, auf der wichtigsten Architekturschau der Welt, die reine Baukunst zu feiern? In einer Zeit, in der Bodenpreise explodieren, wo Freiräume massiv eingeschränkt werden, in einem nimmersatten Immobilienmarkt, der ja nicht für sich selbst steht, sondern für die Tendenz, das Wohnen und verfügbaren Raum immer mehr zur Ware verkommen zu lassen? Freespace als Metapher für Qualität, für kulturellen Anspruch, für Atmosphäre, für Räume, die Menschlichkeit ausstrahlen und zulassen ist in diesem Zusammenhang sehr wohl eine politische Kategorie. Es ist das, was sich die Menschen von Architektur erwarten und worum Architekturschaffende immer mehr kämpfen müssen.

„Grafton Architects“, so der Büroname von Farrell und McNamara, zeigt Projekte aus der ganzen Welt, die diesen Anspruch einlösen – und das unter ganz unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen. Es ist eine Inspiration, diese Biennale mit diesem Fokus zu sehen. Wer den Blick dafür einmal gewonnen hat, kann ihn nicht mehr abstreifen.
Der österreichische Beitrag hat sich heuer dem Generalthema wieder angeschlossen und das aus einer Haltung heraus, die klarmachen möchte, dass sich eine derart durch Beschränkungen und Normen eingeengte kulturelle Praxis, um diese starke gemeinsame Stimme bemühen muss. Unter dem Titel „Thoughts Form Matter“ haben wir ein Plädoyer für Gestaltung abseits rein funktionaler und ökonomischer Zwänge ausgesprochen. Dabei unterliegt die Biennale auch selbst diesem Druck, der natürlich immer auch Teil des Bauprozesses ist. Doch längst würden wir uns wünschen, dass diese Hürde eines Schwarz-Weiß, eines Habens und Nicht-Habens, eines „Ja, aber“ aufgebrochen werden würde zu einem „Ja, und“. Freespace erzählt von Koexistenz und Komplexität, von Vielschichtigkeit und von der zutiefst menschlichen Sehnsucht, sich Räume anzueignen. Wir erleben Raum als Atmosphäre. Atmosphäre kennt keine Norm. Diesen Aspekt aus dem Manifest von „Grafton Architects“ haben Dieter Henke und Marta Schreieck für ihr Projekt aufgenommen und sich mit der Ambivalenz des Raumes beschäftigt. Entstanden ist eine begehbare Raumstruktur, die mit unterschiedlichen Materialien und räumlichen Konfigurationen ständig neue geistige Fenster aufmacht. Erlebbar wird diese Installation nur in Bewegung, dabei bewegt sich nicht nur der Besucher, sondern auch Teile der Installation. Bewegung spielt auch eine zentrale Rolle in der Arbeit von LAAC. Kathrin Aste und Frank Ludin haben einen Bodenkörper konstruiert, der sich aus der Logik des vorhandenen Raums entwickelt und diesen zu einer geistigen Größe transformiert. Gewölbt und gespiegelt ist „The Sphere“ ein 1:50.000 Modell der Erdkugel, die unter dem Pavillon zu stecken scheint. Einzig ein kleines Segment ragt heraus. Wir bewegen uns darauf, uns hinterlassen Spuren „in dieser Welt“. Stefan Sagmeister und Jessica Walsh nähern sich dem Thema als Nicht-Architekten. Die Gestaltung von Raum betrifft nicht nur eine Profession. Für den kulturellen Anspruch hinter all diesem Mühen um Räume für das Leben steht ihr Diktum „Beauty = Function“, eine visuelle Arbeit, die körperlich wirkt.

Das Vorarlberger Architektur Institut zeigt bis 6. Oktober ein „Making of“ zur Konzeption und Produktion des österreichischen Beitrags. www.v-a-1.at

07.07.2018

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Verena Konrad

Kunsthistorikerin und Architekturtheoretikerin

(Foto: © Darko Todorovic)

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