
Frauen sind sichtbar – und das ist gut so!
Vor fünf Jahren, auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie, formierte sich in Vorarlberg eine Initiative mit einem ebenso schlichten wie ambitionierten Ziel: weibliche Expertise sichtbar zu machen. Lea Putz-Erath, Geschäftsführerin von femail, brachte den Anstoß in einem Schreiben an ihr persönliches Netzwerk auf den Punkt. Sie begegne tagtäglich spannenden, hochkompetenten Frauen – und sehe sie dennoch kaum, wenn Medien Expertise suchten, Konferenzen besetzt oder Podien bestückt würden. Jenseits von sogenannten „Frauenthemen“ seien Frauen deutlich unterrepräsentiert. Ihre Frage in die Runde: „Wie können wir das ändern?“
Der Nerv war getroffen. Viele der Angesprochenen teilten den Unmut über diese Schieflage. Dabei ist sie umso erstaunlicher, als Frauen nicht nur mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, sondern Männer bei höheren Bildungsabschlüssen längst zahlenmäßig überholt haben.* Dass Diversität kein „Nice-to-have“, sondern ein relevanter Wirtschaftsfaktor ist, haben zahlreiche Unternehmen inzwischen verstanden. Gemischte Teams „performen“ besser, heißt es im Fachjargon – das lässt sich sogar in Zahlen gießen, falls man unbedingt ausschließlich ökonomisch argumentieren möchte. Den Initiatorinnen jedoch ging es um etwas Grundsätzlicheres: um die gesellschaftlichen blinden Flecken, die entstehen, wenn weibliche Perspektiven fehlen. Und um die systematische Negierung weiblicher Expertise, die über Jahrhunderte hinweg in nahezu allen Bereichen betrieben wurde.
Wie tief diese Unsichtbarmachung reicht, zeigte zu Jahresbeginn Festrednerin Ruth Swoboda beim Neujahrsempfang in Feldkirch – begleitet von hörbarem Erstaunen im Publikum. Sie erinnerte an zahlreiche Erfindungen von Frauen in der Geschichte, darunter der Geschirrspüler durch Josephine Cochrane im Jahr 1886 (!), oder ein Frequenzsprungverfahren von Hedy Lamarr während des Zweiten Weltkriegs, das die Grundlage für WLAN, Bluetooth und GPS bildet. Hätten Sie’s gewusst?
Zunächst tauschten sich die Mitdenkerinnen pandemiebedingt online aus, später auch in Präsenz – unregelmäßig, aber beharrlich. Aus den Diskussionen wuchsen kleine und große Projekte, getragen von autonom arbeitenden Gruppen. Keine leichte Aufgabe, denn engagierte Frauen sind bekanntlich vielfach engagiert und entsprechend knapp an Zeit. Dennoch ist in den vergangenen Jahren Erstaunliches entstanden: Kampagnen rund um den Internationalen Frauentag im ORF – und auch in dieser Zeitung –, generationenübergreifende Spaziergänge (Fempowerwalk 2023/2024), Medientrainings speziell für Frauen sowie die Initiierung eines Bürger:innenrats zum Thema „Care-Arbeit und Vereinbarkeit“ im Jahr 2024.
Ein Projekt mit überregionaler Strahlkraft bildet die seit 2023 bestehende Kooperation mit der deutschen Plattform Speakerinnen.org, initiiert und umgesetzt von einer Arbeitsgruppe, der Bettina Steindl (Campus Väre), Ruth Swoboda (inatura), Andrea Spieth (Organisationsentwicklerin) und die Autorin dieses Textes angehörten. Ziel war es, eine der hartnäckigsten Ausreden endgültig zu entkräften: Man hätte ja gern eine Frau eingeladen, aber leider keine passende gefunden. Abhilfe sollte eine niederschwellige, gut durchsuchbare Plattform schaffen, auf der weibliche Expertise mit wenigen Klicks auffindbar ist.
Eine erste Recherche zeigte rasch: Bei null anzufangen wäre wenig sinnvoll. Allein in Österreich existieren bereits mehrere Expertinnen-Datenbanken, etwa frauendomaene.at, femtech.at oder womeninai.at. Der Mehrwert lag anderswo – in der Vernetzung über den gesamten deutschsprachigen Raum. Denn falls es zu einem sehr spezifischen Thema tatsächlich keine regionale Fachfrau gibt, lässt sich die Suche überregional erweitern. Gleichzeitig profitieren Vorarlberger Expertinnen von überregionaler Sichtbarkeit, da die Plattform thematisch und nicht national strukturiert ist. Ein weiterer Pluspunkt: Jede Frau kann sich selbst eintragen und präzise definieren, mit welchen Themen sie sichtbar sein möchte.
Die Arbeitsgruppe arbeitete ehrenamtlich. Für Gestaltung und Aufbau der Vorarlberger Landingpage konnten der Funktionsbereich Frauen und Gleichstellung im Amt der Vorarlberger Landesregierung sowie die Marke Vorarlberg als Unterstützerinnen gewonnen werden. Inzwischen haben sich über 100 Frauen aus Vorarlberg registriert. Und zum Jahreswechsel 2026 folgte ein kleiner Paukenschlag: Speakerinnen.org schaltete das 5000. Profil frei. 5000 Expertinnen – verteilt auf zehn Kategorien, darunter Kunst & Kultur, Umwelt & Nachhaltigkeit, Unternehmen & Gründungen, Wissenschaft & Technik. Jetzt soll noch einmal jemand behaupten, es gäbe keine Fachfrau.
Auch das regionale Netzwerk ist gewachsen: Über 100 Frauen sind mittlerweile Teil des schlicht benannten „Expertinnen:Netzwerks“. Der Austausch findet regelmäßig über einen E-Mailverteiler statt, persönliche Treffen ergänzen ihn punktuell. Die Motivation ist ungebrochen – nicht zuletzt angesichts eines spürbaren gesellschaftlichen Backlashs. Ziel bleibt, weibliche Kompetenz als Selbstverständlichkeit in Gesellschaft, Politik, Kultur und Wirtschaft zu verankern. Sichtbar, hörbar, wirksam.
Websites voller weiblicher Expertise
speakerinnen.org – die größte Speakerinnen-Plattform im deutschsprachigen Raum
frauendomaene.at – Expertinnen aus allen Branchen für Medien, Events und Unternehmen femtech.at – Expertinnen speziell in den Bereichen Naturwissenschaft und Technologie womeninai.at – Expertinnen im Bereich Künstliche Intelligenz paragraphinnen.at – Netzwerk von 1.000+ engagierten Studentinnen und Juristinnen calliope.at – zeigt Frauen, die in ihren Bereichen herausragende Leistungen erbracht haben.
Regionale Projekte, die Frauen konsequent sichtbar machen: Instagram: Xipertinnen von Angelika Martin – Podcast: »Sunsch no was« von Luca Martina Huber









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