
Quo vadis min Wälderdorf?
Was macht die aktuelle Dorfentwicklung mit unseren Bregenzerwälder Dörfern und deren Identität? Veränderung geschieht, aber man kann sie auch gestalten.
Die Tendenz zur städtischen Gestaltung von Plätzen und Freiräumen konterkarieren traditionelle Bregenzerwälder Ortsbilder teilweise stark“, ist die Landschaftsarchitektin Maria Anna Schneider-Moosbrugger aus Egg überzeugt. Sie sieht diese Entwicklung nicht nur negativ, ist doch Bauen in die Höhe mit mehr Verdichtung Gebot der Zeit, um unseren knappen Boden zu schonen und kurze Wege zu ermöglichen. Aber es verändere eben auch die Identität der bislang ländlich geprägten Dörfer. Notwendig – oder logische Folge – sei vielleicht eine Art von neuer Identitätssuche über öffentliche Räume in unseren Dörfern.
Was geschehen ist
Die Dimensionen der Gebäude wachsen und geraten wohl manchmal aus den Fugen. Das neue Posthaus in Egg mag dafür Symbol sein. Aber diese gewachsenen Dimensionen finden sich auch in den landwirtschaftlichen Gebäuden und in den Gewerbebauten. Schneider-Moosbrugger: „Dimensionen werden sicher zu unkritisch gesehen. Auch wenn versucht wird, Formen nachzuahmen, kann man feststellen, dass ein Aufblasen von Kubaturen und Strukturen oft nicht landschaftsarchitektonisch funktioniert. Wir brauchen neue Antworten, wie wir mit größeren Kubaturen und Höhen umgehen, wie wir diese in die Landschaft klug einbinden?“ Und das betrifft dann nicht nur die Gebäude in den Dorfzentren, sondern eben auch die außerhalb der Zentren, also Landwirtschaftsgebäude, Gewerbebauten und Wohnanlagen. Wer offenen Auges durch unsere Wälder Dörfer fährt oder läuft, wird also manches entdecken, was genauso gut irgendwo anders stehen könnte – oder sogar steht. Ob dadurch Identität verloren geht, oder doch nur Ausdruck einer Identität ist, die längst verloren ist, ist wohl eine Frage wert.
Neue soziale Strukturen
Auch Bregenzerwälder Dörfer „funktionieren“ heute anders als noch zu meiner Kindheit in den 1960er oder 1970er-Jahren. Nicht nur, dass es noch viel mehr bäuerliche Familien gab, die sich morgens und abends mit ihrer Milch im nahen Sennhaus trafen – und es gab tatsächlich mehrere solcher, auch im Dorfzentrum – sondern es gab auch den Konsum, wo man sich beim Einkaufen traf und vor allem Gasthäuser. Man kannte eigentlich das ganze Dorf, oder wusste wenigstens, „wer wem gehörte“. Zugezogene gab es auch, man wusste, wo die wohnen und hatte eine „Ahnung“ von ihnen. Irgendwie, leichter oder schwerer, wurden die auch langsam Teil des Dorfes. 50 Jahre später sind unsere Dörfer an Einwohnern gewachsen, der Hausbestand und der Autobestand auch, die typischen Dorfgasthäuser, kleinen Händler- und Gewerbebetriebe samt vieler Landwirtschaften nicht mehr da oder stillgelegt. Wo früher Bauernhöfe standen, entstanden rundum die Einfamilienhäuser, dann kamen Zweifamilienhäuser und zuletzt schon fast in jedem Wälderdorf die größeren Wohnanlagen: für junge Familien und für Zugezogene, die gerne im Grünen wohnen wollen. Der Arbeitsplatz weiter weg, Mobilität auf dem Land mit dem PKW, Frauen berufstätig und sozialer Kontakt über die Arbeit, (Klein-)Familie oder Freizeitvergnügen. Nachbarschaft nicht, weil man sich gegenseitig braucht, sondern so wenig wie möglich, „bloß ka Gschiss afanga“. Je näher man zusammenwohnt, desto mehr scheint das zu gelten. Das ist eine wertfreie Betrachtung und soll nicht moralisierend verstanden werden.
(Neue) Identität
Schwarzenberg gilt als einer der wenigen, noch ursprünglich erhaltenen Dorfplätze im Bregenzerwald und wurde deshalb schon vor Jahrzehnten unter Ensembleschutz gestellt, wenn auch dieser heute anders funktioniert, also noch vor Jahrzehnten, sogar beim Älplertag, auf alle Fälle bei der Schubertiade. Aber es haben sich die Menschen, die Gesellschaft, die Bedürfnisse und der Lebensstil auch in den Bregenzerwälder Dörfern verändert. Darauf braucht es neue – vielleicht auch mutige Ideen, um dem allem gerecht zu werden. Oder wir lassen es einfach laufen, wie es gerade läuft und wundern uns dann, was geschehen ist. Auf alle Fälle gibt es sie noch nicht, die neue Identität der Wälder schlechthin und letztlich stellt sich die Frage neu: „Ka nüd jedar Wäldar sin“, wenn er dort wohnt? Ab wann ist man Wälder oder Schwarzenberger, oder …? Das lasse ich jetzt weg, auch diese Identitäten gibt es so nicht mehr, auch der Wald ist schon queer geworden.
Perspektiven einer Entwicklung
Schneider-Moosbrugger spricht von einer „Talschaft der mutigen Dorfplätze“, getragen von einer mutigen Gesellschaft, die Aufbruch als Teil der Identität erkennt. Nicht Ideen von früher – wann auch immer – konservieren, sondern weiterdenken. Antworten für morgen finden, die aus der Landschaft heraus weiterwachsen und Mensch und Natur mutig Raum geben. Letztlich schaffen Räume Identitäten und Identitäten Räume. Die Partizipation der Bevölkerung ist wichtig, aber ebenso die visionäre und fachliche Perspektive. Schneider-Moosbrugger schätzt die Gestaltungsbeiräte, aber sie gehörten mit Landschaftsarchitekten ergänzt, weil die einen anderen Blick auf Landschaft und Zeit hätten und wichtige Impulse für größere räumliche und mit der Natur verbundene Zusammenhänge einbringen könnten. Insofern sollten die Dörfer nicht den städtischen Idealen nacheifern, die grüner werden, sondern sich mit den Grünräumen im nahen Umfeld vernetzen und Teil des größeren Ganzen sein oder werden. Mit diesen Räumen verändern sich auch soziale Identitäten. Sich damit bewusst auseinandersetzen, kann nicht schaden, denn Bauen und Raumnutzung ist immer eine politische Tätigkeit – aber auch eine politische Aufgabe, ist Schneider-Moosbrugger überzeugt. Und wie Markus Rhomberg im März in Thema Vorarlberg festhielt: „Veränderung ist kein Zufall. Sie ist erlernbar und sie prägt, ob eine Region in einigen Jahren wirtschaftlich stark, lebenswert und demokratisch widerstandfähig bleibt.“









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