Gerhard Siegl

Historiker, Wirtschaftsarchiv Vorarlberg

Neuer Film zur Vorarlberger Stickereigeschichte

März 2026

Ein historischer Dokumentarfilm?

Historiker und Historikerinnen sind nie ganz zufrieden mit historischen Dokumentarfilmen. Das liegt an den grundsätzlich verschiedenen Arbeitsmethoden von Wissenschaft und Filmkunst. Die Geschichtswissenschaft ist den historischen Quellen verpflichtet. An schriftlichen oder dinglichen Quellen übt sie unter Zuhilfenahme ihres Handwerkzeugs Quellenkritik. Mit verschiedenen Methoden werden etwa die Echtheit oder Authentizität einer Quelle geprüft. Zur Erfassung eines Sachverhalts werden alle verfügbaren Quellen erfasst und gegenübergestellt, um ein gesamthaftes Bild zu erhalten. Von der Analyse der Quellen geht es dann in die Interpretation und Kontextualisierung, das Ergebnis der Forschung ist in aller Regel eine schriftliche Arbeit. Schriftliche Arbeiten haben den Vorteil, dass man zuvor die Gedanken ordnen muss und sie langsam, aber gut durch Quellen unterstützt und argumentiert entwickeln kann. Leser müssen denselben langsamen Weg durchlaufen. 
Damit historische Inhalte schneller und unterhaltsamer konsumiert werden können, sind Filmdokumentationen ein beliebtes Mittel. Als Beispiel dafür denken wir oft an einen Klassiker aus Österreich: Hugo Portisch mit seinen Serien „Österreich I“ zur Geschichte der Ersten Republik und „Österreich II“ zur Geschichte der Zweiten Republik. Portischs Popularität beruht nicht nur auf seinen zahlreichen Auftritten im österreichischen Fernsehen, sondern auch auf dem Vertrauen der vielen Geschichtelehrer, die seine Dokumentationen seit den 1980er-Jahren im Unterricht einsetzen.
Portischs Filme sind keine leichte Kost. Sie versuchen, geschriebene Wissenschaft bestmöglich filmisch umzusetzen und durch originales Foto-, Film- und Tonmaterial zu bereichern. Das ist zwar spannend und vermittelt ein möglichst nahe an der historischen Realität liegendes Bild. Historische Realitäten sind aber mitunter hart, vor allem im Bild. Der gesprochene Text bewegt sich eng entlang der (damals) aktuellen wissenschaftlichen Forschung. Das machte die Inhalte dicht und erkenntnisreich, den Konsum aber auch anspruchsvoll. 
Ganz andere Mittel setzt der Film „STOFF – ein Spitzengeschäft“ ein, in dem es um die Geschichte der Lustenauer Stickerei geht. Methodisch zeichnet er sich durch Zugänge aus, die andere – explizit afrikanische – Blickwinkel schaffen. So wurde etwa ein Soziodrama inszeniert, das mitgefilmt wurde und den Film mitträgt. Ein Soziodrama ist das Nachstellen historischer Szenen als Rollenspiel unter Anleitung eines Profis. Mehrmals sind im Film Szenen aus dem Soziodrama zu sehen. Die Dialoge zeigen auf, welche Wissenslücken und Gegenwartsfragen es in Bezug auf die Geschichte gibt. Historische Sachverhalte werden durch das Soziodrama aber nicht verständlicher gemacht oder gar erklärt, sondern eher emotional verklärt. Ein umfassendes Erklären und verständlich machen ist nicht das Anliegen von „STOFF“. Durch die einseitige und selektive Quellenbasis wurde vielmehr bewusst ein Weg eingeschlagen, der zugunsten einer erzählbaren Geschichte auf (wissenschaftliche) Expertise und damit das herkömmliche Format einer Dokumentation verzichtet. So bekommt der Film die gewünschte politische und emotionale Dimension.
Das Verdienst des Films „STOFF“ ist es, die Vorarlberger Stickereigeschichte in den Fokus zu rücken. Ohne die vielen oft nur angedeuteten Geschichten zu Ende zu erzählen, spricht er einige Themen an, die geschichtswissenschaftlich noch unterbelichtet sind. Dazu gehört etwa die Frage, woher die Baumwolle als Rohstoff für die Industrialisierung Vorarlbergs kam und unter welchen Umständen sie produziert wurde. So wichtig die Frage nach der Sklaverei und ihre Bedeutung für die Baumwollwirtschaft auch ist, so unvermittelt und ohne Erläuterung der Zusammenhänge greift der Film dieses Thema auf. Für die Lustenauer Stickereigeschichte allein hätte es gar nicht bemüht werden müssen. Denn der sowohl im Soziodrama wie auch im Film behandelte „Dreieckshandel“, ein Begriff übrigens, den die Geschichtswissenschaft aufgrund besseren Wissens ad acta gelegt hat, spielte in den 1960er- und 1970er-Jahren schon lange keine Rolle mehr. Der atlantische Sklavenhandel wurde von den europäischen Mächten und den USA 1807/1815 eingestellt, als die Vorarlberger Industrie noch nicht einmal existierte. Freilich war der Sklavenhandel innerhalb der USA bis zum Bürgerkrieg der 1860er-Jahre weiterhin erlaubt, und auch die in Vorarlberg angekaufte US-amerikanische Baumwolle wurde von Sklaven angebaut und geerntet. Wie aber waren die Produktionsbedingungen der ägyptischen, anatolischen und indischen Baumwolle, die gerade in den ersten Jahren der Vorarlberger Textilindustrie bedeutender war als die amerikanische? Solche Differenzierungen nimmt der Film nicht vor, er konstruiert einen zweifellos vorhandenen, aber nicht näher ausdeklinierten Zusammenhang zwischen der Sklaverei und der Vorarlberger Baumwollindustrie. Diese Schwäche geht teils auf ein tatsächliches Forschungsdefizit zurück, sie liegt teils aber in der Konzeption des Films begründet, der nur partiell auf vorhandenes Wissen zugreift. 
Der Film endet mit einem negativen Ausblick hinsichtlich künftiger Forschungen zur Stickereigeschichte. Die Filmemacherinnen hegen offenbar keine Zuversicht, dass die im Film angerissenen Themen in Vorarlberg aufgearbeitet werden. Manchmal braucht es tatsächlich einen Impuls von außen, um Forschung anzustoßen. Das Wirtschaftsarchiv Vorarlberg veranstaltet in Kooperation mit der Universität Innsbruck am 24./25. September 2026 eine internationale wirtschafts- und sozialgeschichtliche Tagung mit dem Titel „Rohstoffe, Handel und koloniale Verflechtungen in der Regionalgeschichte, ca. 1800–1950“. Diese öffentliche Tagung beschäftigt sich auf wissenschaftlicher Ebene mit vielen Themen, die in „STOFF“ angerissen werden. 

Tagungsprogramm

siehe unter https://wirtschaftsarchiv-v.at/files/
Tagung2026_Programm_provisorisch.pdf 

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