Simon Groß

Redaktion ()

Der Pfarrer, der Waffen sammelte

November 2021

Gebhard Wendelin Gunz, der 1956 verstorbene Stadtpfarrer von Feldkirch-Tisis, hatte als leidenschaftlicher Alpinist über 400 Mal die als „Vorarlberger Matterhorn“ bekannte Zimba bestiegen – und Waffen gesammelt.
Das Porträt eines ungewöhnlichen Vorarlbergers.

Seit einem Jahr tobt der große Weltenbrand, als der Vorarlberger Gebhard Wendelin Gunz an der Seite der Standschützen 1915 in den Ersten Weltkrieg zieht, freiwillig, er hält noch keinen Einberufungsbefehl in Händen. Ihn treibt allerdings nicht die Kriegslust. Er will seinen Kameraden beistehen. Denn Gunz ist Pfarrer, und ein außergewöhnlicher Mann, wie sich bald zeigen wird.
1881 in Götzis geboren, wächst Gunz in Nüziders auf. Sein Vater, ein Lehrer, war 1893 in diese Gemeinde versetzt worden. Nach der Matura am Staatsgymnasium Feldkirch geht Gebhard Wendelin nach Graz. Er studiert Naturwissenschaften, entscheidet sich allerdings ein Jahr später aus „innerer Berufung“ für den Besuch des Priesterseminars in Brixen. 1906 wird Gunz zum Priester geweiht, es folgen mehrere Stationen in Feldkirch-Gisingen, in Göfis und zuletzt 1911 in Altach.
Im Krieg will er seinen Kameraden als Feldgeistlicher beistehen, mit ihnen beten, ihnen helfen. Zu dieser Zeit ist dies nichts Unübliches: „Geistlicher Beistand war für Soldaten sehr wichtig. Sie sollten geistlich und seelisch betreut werden. Die dafür zuständige Militärgeistlichkeit war allerdings nicht primär dafür zuständig, zu erklären, dass Kriege abzulehnen sind, sondern vielmehr, um das militärische System zu legitimieren, das unter dem Eindruck des gesamten geistigen Systems und der Weltanschauung der Zeit stand“, erklärt Historiker Manfred Tschaikner.
Gunz ist, als er in den Krieg eintritt, ein hervorragender Alpinist, weswegen er sich an der Südfront inmitten der Dolomiten in extremen Höhenlagen und schwierigen Bedingungen wohl gut zurechtfindet. Bereits in jungen Jahren hatte es ihn in die Natur gezogen, ausgiebig erkundete er das ganze Land. Dabei hat es ihm vor allem die Zimba angetan, mit der er nach eigenen Angaben „wie auf ewig verheiratet“ war: Immer wieder bestaunt er den mächtigen Berg, bis er 1908 den ersten Aufstieg unternimmt. Der Grundstein für eine seiner Leidenschaften ist gelegt.
Als passionierter Alpinist kommt er Zeit seines Lebens auf über 400 Zimba-Aufstiege. Er kennt jede Route und durchklettert als erster die Nordwestwand, wie sich in den Mitteilungen des Österreichischen Alpenvereins aus dem Jahr 1956 lesen lässt. Auch einige Erstbesteigungen im Bereich der Silvretta gehen auf sein Konto. Als lebensfroher und geselliger Mitbürger lässt der „Zimbapfarrer“ alle an seinen Leidenschaften und vor allem den Bergabenteuern teilhaben, er veranstaltet zahlreiche Vorträge und Dia-Vorführungen.
Seine Kriegserfahrungen aber arbeitet der Pfarrer in besonderer Art und Weise auf. Gunz trägt unzählige Gewehre, Revolver und andere Kriegsutensilien zusammen: „Waffen, die ich sammle, werden niemanden mehr Töten“, lautet sein Credo. Manfred Getzner, Obmann des Heimatpflege- und Museumsvereins Feldkirch und des Schattenburgmuseums, erklärt: „Pfarrer Gunz wollte, dass diese Waffen niemandem mehr schaden und gleichzeitig zum Mahnmal für die Schrecken des Krieges werden.“
Der Geistliche setzt sich auch mit viel Engagement für die Sanierung der Schattenburg ein. Seine umfangreiche Waffensammlung – zuvor im Pfarrhaus untergebracht – schenkt er dem Museum 1938, kurz vor dem Anschluss. Sie kann heute im Gedächtnisraum für die beiden Weltkriege im Bergfried der Schattenburg bestaunt werden. Als wolle er seiner Sammlungsintention Nachdruck verleihen, blickt der bärtige Pfarrer nachdenklich und ernst in den Raum: Abgebildet auf einem Gemälde des renommierten Feldkircher Künstlers Eugen Jussel aus dem Jahr 1951.
Ein Pfarrer der Waffen sammelt, ist in der Landesgeschichte wohl ein Unikum. „Mir ist im Land niemand bekannt. Die Kirche selbst hat aber auch keine prinzipiell negative Einstellung zu Waffen – man denke an das wehrhafte Christentum, das auch ein eigenes Oberhaupt in einem eigenen Kirchenstaat hatte. Legitimierte, gerechte Gewalt und damit auch Waffen gehören durchaus zur Kirchengeschichte“, erklärt Historiker Tschaikner. Zudem seien Waffen zur damaligen Zeit technisch sehr beeindruckende Werke gewesen. „Sie konnten durchaus eine große Faszination ausüben, nicht nur bei Waffennarren, sondern auch bei Menschen, die sich gerne mit der technischen Entwicklung ihrer Zeit auseinandersetzen.“
Doch das sind nicht die einzigen Interessen des Geistlichen, der nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg ab 1919 die Pfarre Feldkirch-Tisis leitet.
1924 tritt er dem Museums- und Heimatschutzverein Feldkirch bei, dem er als Obmann bis zu seinem Tod vorsteht. Er wird zu einem profunden Kenner der Geschichte und Geografie Vorarlbergs, befasst sich zudem intensiv mit Heraldik und veröffentlicht 1936 eine illustrierte Sammlung von Bürger- und Adelswappen in Vorarlberg. Des Öfteren ist seine Expertise gefragt, insbesondere bei der gesetzlichen Festlegung des Vorarl­berger Landeswappens im Jahr 1936.
Der umfangreiche Nachlass des Pfarrers wird seit 1957 vom Vorarlberger Landesarchiv verwaltet und kuratiert. Darunter finden sich zahlreiche Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Landkarten und eine beachtliche Wappensammlung. „Gunz muss ein Mensch gewesen sein, der das, was er machte, nicht nur genau, sondern intensiv, sehr konsequent und äußerst beflissen durchgezogen hat“, sagt Tschaikner.
Trotz all seiner Aktivitäten bleibt Gunz seinen geliebten Bergen treu. Auch der Alpenverein liegt ihm besonders am Herzen. Der bereits zu Lebzeiten „Zimbapfarrer“ genannte Gunz tritt gegenüber den französischen Besatzern dabei besonders energisch und hartnäckig auf. Er will, dass diese die beschlagnahmten Alpenvereinshütten wieder freigeben. Auch baut der Alpinist die ÖAV-Landessektion Vorarlberg nach 1945 als Vorsitzender komplett neu auf und bleibt bis zu seinem Tod 1956 im Hauptausschuss.
Pfarrer Gunz‘ Beerdigung – ein geradezu landesgeschichtliches Ereignis – sagt sehr viel über die Beliebtheit und menschliche Nähe des Geistlichen aus: Über 3000 Besucher formten einen Trauerzug. Seine überregionale Bekanntheit und sein Wirken zeigen sich aber auch in anderer Weise: So trägt der große Pfarrsaal der Pfarre Tisis seinen Namen, auch die als Pfarrer-Gunz-Hütte bekannte Sarotla-Hütte im Rätikon. Ebenfalls zu seinen Ehren kam als Grundstein des von ihm mitinitiierten Neubaus der Tisner Pfarrkirche St. Michael ein geweihtes Felsstück seiner geliebten Zimba zum Einsatz.
Eine Anekdote aus der Besatzungszeit belegt, welch ungewöhnlicher Mensch der Zimbapfarrer war: Auf der Schattenburg befand sich eine Flagge der Franzosen, welche die Österreicher in der Schlacht um Feldkirch 1799 erbeutet hatten. Pfarrer Gunz, der argwöhnte, dass die französischen Besatzungssoldaten die Flagge beschlagnahmen wollten, schritt zur Tat: er schlich sich in der Nacht in die Schattenburg, nahm die Flagge und brachte sie zu einem Freund. Den bat er, sie zu verstecken, ihm aber nicht zu sagen, wo. Kurze Zeit später auf das Verschwinden der Flagge angesprochen antwortete Pfarrer Gunz den Franzosen, er schwöre „bei Gott“, dass er nicht wisse, wo sie sei. Gelogen war das nicht. Die Flagge ist bis heute nicht mehr aufgetaucht.

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