Simon Groß

Redaktion ()

Ein Experiment, keine Weihnachtsgeschichte

Dezember 2019

Die ersten Weihnachsteinkäufe liegen in den Einkaufswagen, logistische Meisterleistungen. Es ist Samstag, viel los hier, aber dennoch nur ungebrochene Stille und der kollektive Blick auf die Stockwerksanzeige.
Wir fahren Fahrstuhl in einem Vorarlberger Einkaufszentrum.

Zugegeben, auf den ersten Blick mögen ein paar Zeilen über etwas so Geläufiges wie den „Lift“ verblüffen. Aber schauen Sie doch einmal, wie interessant die Banalitäten des Alltäglichen sein können: Denn die Erfindung des Fahrstuhls zum Beispiel hat einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Herausbildung von Verhaltensmustern und Normen der Gesellschaft geleistet. Ein Steckenpferd der Soziologie! Und das noch im Öffentlichen Raum: Große Plätze, Bahnhöfe, Einkaufszentren, Massenbeförderungsmittel. Alles auch Orte des Nicht-Kontakts. Auch der Fahrstuhl ist eine Art öffentlicher Raum. Warum also nicht mal in selbigem Erkenntnisse zu Gesellschaftsordnungen sammeln, dachte sich Soziologe Stefan Hirschauer und formulierte vor gut 20 Jahren „Die Praxis der Fremdheit und die Minimierung von Anwesenheit.“ Fahren Sie ein paar Etagen mit und schauen Sie selbst, was im Lift (nicht) passiert.

Maschine mit Kalkül

Wollen wir Stockwerke wechseln, stehen wir vor den verschlossenen Schächten und müssen erst einmal warten. Schon hier ergeben sich erste merkwürdige Gedanken, mit denen die meisten von uns vertraut sein sollten: „Jetzt warte ich zwar schon so lange, aber ich bleibe trotzdem, bis der Fahrstuhl kommt.“ Sie wissen – wenn Sie gehen, wäre Ihre bereits aufgebrachte Zeit verschwendet. „Wenn der Fahrstuhl jetzt noch nicht da ist, dann dauert alles noch länger.“: Sie schreiben dem technischen, gesteuerten Gerät eine Eigenart zu – „Mensch, ist der heute lahm!“. Mit „Wenn ich jetzt die Treppe nehme, dann kommt er bestimmt!“ unterstellen Sie dem Fahrstuhl außerdem, er würde Sie aus Kalkül warten lassen. Vielleicht drücken Sie auch deswegen misstrauisch mehrmals hintereinander auf den Halteknopf.

Alles Einsteigen!

Weil Sie nicht immer alleine auf den Lift warten, wird sich auch einmal die Frage stellen, wer zuerst einsteigt. Das ist wie mit den vermeintlich verinnerlichten Verkehrsregeln am Bahnsteig: Die Aussteigenden haben Vorrang, trennen die strategischen Positionen der Wartenden. Jetzt Einer nach dem Anderen, Überholen oder Vordrängeln ist Tabu. Wie beim Zusteigen in den Zug gilt es aber auch im Fahrstuhl, Höflichkeitsregeln einzuhalten. Überhaupt: Gerade im Fahrstuhl zeigen sich bei näherer Betrachtung eigenartige Normen und Praktiken.

Platz nehmen

Beginnen wir bei der Platzwahl, die aus genau dieser Einstiegsordnung resultiert: Der oder die Erste hat – im angenommen leeren Fahrstuhl – praktisch freie Platzwahl, alle danach wählen aus dem Restplatzangebot und tauschen auch nicht mehr untereinander (Sie könnten sich auch trauen, während der Fahrt zu fragen, ob jemand mit ihnen den Platz tauscht). Sehen Sie jetzt genau hin, die Platzeinnahme folgt geometrischen Mustern: Zwei Personen stehen entweder nebeneinander oder sich diagonal gegenüber, drei in Form eines Dreiecks, vier im Quadrat – Sie ahnen, wie es weitergeht.

Platz wird frei

Hirschauer hat folgendes beobachtet: Bei einem Zustieg versuchen die Fahrgäste durch auf der Stelle-Treten den Eindruck des Nachrückens zu gestikulieren. Bei einem Ausstieg versuchen sie jedoch, tatsächlich so viel Platz wie möglich wieder zu gewinnen. Zudem beschreibt er in diesem Zusammenhang einen interessanten Flexibilitätsvorteil des Fahrstuhls: In einer bis zum plötzlichem Massenausstieg noch vollen Straßenbahn würde es der Anstand ja eigentlich verbieten, nicht nebeneinander sitzenzubleiben – und das, obwohl man sich völlig fremd ist. Im Fahrstuhl können Sie hingegen nachrücken, wie es ihnen beliebt, solange sie der situativen Geometrie treu bleiben.

Blicke brauchen Raum

Direkter Blickkontakt ist im Fahrstuhl ein praktisch unvermeidbarer Kollisionsfall, der, warum auch immer, irgendwie unangenehm ist. Stattdessen wird alles mögliche krampfhaft fixiert, was umso schwerer fällt, denn unseren Blicken, einem natürlichen Mittel der Kommunikation, fehlt hier der „gewohnte Auslauf“. Durch die geometrische Platzeinnahme entstehen Blickkorridore, die auch abhängig von Körpergröße und Neigungswinkel sind. Als wäre das scheinbar Banale nicht schon kompliziert genug, müssen wir noch darauf achten, ob der andere gerade nicht schaut, damit wir schauen können. Eigentlich wäre der Fahrstuhl ein toller Ort zum Flirten: Der Fahrstuhl erfordert die Minimierung von gleichzeitigen Blicküberschneidungen auf engstem Raum, im Flirt geht es um die Maximierung: Schauen, ob der/die andere auch schaut.

Augen zu und …

Nehmen wir an, Sie wollen weder flirten noch den Mitinsassen – Sie sind ja quasi noch bis zum nächsten Stockwerk gefangen – aufs Smartphone glotzen: Sie könnten in letzter Konsequenz zwar noch die Augen schließen, aber hätten es schon wieder mit dem nächsten Problem zu tun: Die Ohren wie leider auch die Nase „müssen“ alles über sich ergehen lassen, weswegen sich auch im Fahrstuhl irgendwann eine Art Schweigegebot entwickelt hat. Sprechen – und bitte auch alles andere in Bezug auf die Nase – tabu!

Ausstieg mit Etikette

Während der „peinlichen“ Stille und des krampfhaften „Sich nicht Ansehens“ warten wir sehnlichst auf die ersten Aufbruchssignale: Das feste Umschließen des Griffs des Einkaufswagens signalisiert Fahrbereitschaft. Die Schiebetür öffnet sich, jetzt gilt es, wortlos den anderen aus dem Fahrstuhl zu folgen. Dabei nicht zu viel Eile, denn das suggeriert höchstens, dass Sie sich zu wichtig nehmen und Ihre Zeit kostbar(er) sei. Also immer mit der Ruhe, sonst wäre das ganze Verkrampfen auf merkwürdige Normen umsonst gewesen. Also, das Minimieren von Anwesenheit über geometrische Kontaktbarrieren. Sie sind auch offensichtlich noch nicht ausgestiegen. Das freut mich.

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