Martin Rümmele

Der gebürtige Vorarlberger ist langjähriger Gesundheits- und Wirtschaftsjournalist und lebt und arbeitet in Wien und Kärnten. Er ist Autor mehrerer kritischer Gesundheitsbücher u.a. „Zukunft Gesundheit“ und „Medizin vom Fließband“ und wurde mehrfach für seine Arbeiten über Zusammenhänge von Wirtschaft und Medizin ausgezeichnet. Er ist zudem Herausgeber des ganzheitlichen Gesundheitsmagazins „lebensweise“.

Freizeit ist ungesund

Mai 2017

Mutterseelnallanich sitzt er da bis in da Frua. Und schaut beim Boxn zua. Die Gsichter san verschwolln und bluadich rot. Genussvoll beißt er in sei Schnitzelbrot. Und geht dann endlich einer in die Knia. Greift er zufrieden zu sein Bier.“ Reinhard Fendrich hat Österreichs liebster Sportart einst eine Hymne gewidmet – dem Couchsport. Tatsächlich hat er durchaus Vorteile, nicht zuletzt, weil er recht unfallfrei ist. Die Zahlen der Sofastürze sind angeblich zuletzt deutlich zurückgegangen.

Insgesamt verursachten Freizeitunfälle – geht man nach einer neuen Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) – im Vorjahr volkswirtschaftliche Kosten von 20 Milliarden Euro. Versucht man zudem die immateriellen Kosten als Folge von Schmerz und Leid zu berücksichtigen und in Euro zu bemessen, errechnen sich sogar Kosten von mehr als 100 Milliarden Euro. Das Beispiel zeigt vor allem eines: Nicht jede Zahl, die im Gesundheitswesen diskutiert wird, macht in der Betrachtung überhaupt Sinn. Auch wenn die Zahl wahr ist. Sie kann nämlich zu durchaus falschen Schlüssen führen.

So würde man vermutlich reflexartig diskutieren, warum die Allgemeinheit für Kosten aufkommen muss, die Menschen unaufmerksam oder sogar mutwillig durch die Ausübung von Extremsportarten verursachen. Von Kosten für die Rettung mittels Hubschraubern angefangen über die teure Akut-Behandlung bis hin zu möglicherweise langjährigen Rehabilitationsmaßnahmen. Doch weit gefehlt: Mit „Freizeit“ ist hier einmal gemeint, was nicht innerhalb der Arbeitszeit passiert. Von den 20 Milliarden entfallen nämlich 28 Prozent oder 5,7 Milliarden Euro auf den Straßenverkehr. Die Hausunfälle sind für 46 Prozent oder 9,6 Milliarden Euro der Kosten verantwortlich – und die Sportunfälle für 26 Prozent oder 5,3 Milliarden Euro.

Nummer eins bei der Verursachung von Sportunfällen ist übrigens keine Risikosportart, sondern ein Breitensport: Fußball – mit nahezu 50 Prozent. Die weiteren „Risikosportarten“ laut KfV: Alpiner Skilauf, Mannschaftssportarten mit Ball, Radfahren und Wandern. Die Allianz-Versicherung hat eine ähnliche Erhebung gemacht und kommt ebenfalls zu überraschenden Ergebnissen. „In der Freizeit ereignen sich drei von vier Unfällen“, erklärt Kurt Benesch, Geschäftsführer des Allianz-Kundenservices. Laut Allianz-Unfallstatistik lauert beim Sport (33,5 Prozent) die größte Gefahr. Auf Position zwei befinden sich mit 26,1 Prozent die Arbeitsunfälle. Knapp dahinter sind Missgeschicke, die zu Hause oder im eigenen Garten passieren, die dritthäufigste Unfallursache (25,3 Prozent).

In der Allianz-Statistik, für die Leistungsfälle zwischen 2007 und 2015 analysiert wurden, zeigen sich große regionale und jahreszeitliche Unterschiede bei der Verteilung von Unfallrisiken. Dabei zeigt sich, dass bei rund jedem fünften Unfall (21,3 Prozent) die verletzte Person ihren Wohnsitz in Tirol hat. Damit befindet sich dieses Bundesland österreichweit an der ersten Stelle. Dahinter landet Oberösterreich mit 16,1 Prozent, auf Position drei rangiert Niederösterreich (14,8 Prozent). Am sichersten ist es hingegen ganz im Osten der Republik: Wien (4,5 Prozent) und das Burgenland (3,2 Prozent) belegen in diesem Ranking die beiden letzten Plätze. Vorarlberg liegt mit 7,1 Prozent auf dem guten siebenten Platz. Was man daraus schießen kann? Nichts. Solange man nicht weiß, wie viele Menschen regional auch eine entsprechende Versicherung haben.

Nicht berechnet wurden hingegen die positiven Folgen von Freizeitsport im Hinblick auf Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Ein ungesunder Lebensstil – im Besonderen Tabakkonsum, Fehlernährung und körperliche Inaktivität – gilt als der wesentlichste vermeidbare Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, der häufigsten Todesursache in Industrieländern. Eine aktuelle, von der Uniqa-Versicherung in Auftrag gegebene Gesundheitsstudie ist zuletzt der Frage nachgegangen, wieviel sich die Österreicher im Schnitt sportlich intensiv bewegen. Durchschnittlich bewegen sich Herr und Frau Österreicher demnach zwei Tage in der Woche. Wobei auffallend ist, dass sich zwar 17,9 Prozent gar nie sportlich betätigen aber umgekehrt nur 3,7 Prozent täglich Bewegung machen. Ein oder zwei Tage: 38,2 Prozent; drei bis vier Tage: 23,3 Prozent; fünf oder sechs Tage: 16,9 Prozent. Auch die Verteilung des Tagesablaufes zeigt, dass die Ruhestunden eindeutig überwiegen: Unter der Woche verbringt man im Schnitt fünf Stunden sitzend, liegend oder ruhend. Drei Stunden werden im Stehen oder in gemütlicher Bewegung verbracht und auf intensive Aktivität entfallen 1,5 Stunden. Etwas besser ist das Verhältnis am Wochenende. Auffällig ist ein starkes West-Ost-Gefälle: Während Vorarlberger sich an vier Tagen in der Woche und Tiroler sowie Salzburger an drei Tagen intensiv sportlich betätigen, sind es in den restlichen Bundesländern nur zwei Tage.

„Hoher Blutdruck ist fast schon eine Volkserkrankung in Österreich“, sagt Uniqa-Arzt Dr. Peter Kritscher. Nach jüngsten Erhebungen leiden 1,5 Millionen Österreicher unter hohem Blutdruck, wobei sich nur 50 Prozent davon medizinisch behandeln lassen und davon wieder nur die Hälfte auch wirklich dank Medikamenten richtig eingestellt wurde. „Positiv beeinflussen kann man den Blutdruck durch gesunde Ernährung, Bewegung und Gewichtsreduktion. Feinde des Blutdrucks aber sind Übergewicht, Cholesterin, falsche Ernährung und Salz“, sagt Kritscher.

Gerade beim Übergewicht hat Österreich in den vergangenen Jahren kräftig zugelegt. Rund 3,4 Millionen Österreicher waren laut Gesundheitsbefragung 2014 übergewichtig beziehungsweise adipös. Bei Männern trat Übergewicht häufiger auf als bei Frauen (39,4 beziehungsweise 25,9 Prozent). Die häufigsten chronischen Erkrankungen in Österreich sind allerdings nicht Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes, sondern chronische Rückenleiden. 24,4 Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen. Dazu kommen 18,5 Prozent mit Problemen der Halswirbelsäule und zwölf Prozent mit Arthrose. In Summe haben rund 55 Prozent der Menschen Probleme mit dem Bewegungsapparat. Was präventiv helfen würde: Bewegung.

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