Simon Groß

Redaktion ()

Tabak aus Frastanz, Raubvögel und schnupfende Pfarrer

März 2020

Durch unser Klima zwar nicht unbedingt naheliegend, aber tatsächlich wurde in Frastanz einst im großen Stil Tabak angebaut, weiterverarbeitet und sogar bis nach Mailand und Straßburg verkauft. Sogar Raubvögel und Pfarrer spielen in dieser Geschichte eine Rolle.

Der „Tabacco di Frastanza“ war kein Kraut von schlechtem Ruf: Immerhin ließ es sich bis nach Mailand und Straßburg verkaufen. Laut einer kaiserlichen Kundmachung aus dem Jahr 1832 konnten die Frastner Tabakbauern für einen Zentner ihrer „gehörig getrockneten“ Tabakblätter erster Güteklasse immerhin noch sieben Gulden herausholen, während die „südtirolischen grünen Tabakblätter“ für gerade einmal etwas mehr als zwei Gulden gehandelt wurden. So gesehen zwar ein absoluter Qualitätsbeweis für die Frastanzer Ware, die vornehmlich in Form von Pfeifen-, Schnupf und Kautabak konsumiert wurde. Für die Bauern war das Auskommen durch den Tabak dennoch bald zu wenig.

Blütezeit

Vermutlich brachten Saison- und Wanderarbeiter die Tabakpflanze aus dem Elsass nach Hause mit, erste Versuche mit der vielversprechenden Pflanze begannen um etwa 1700, wie der Vorarlberger Historiker Christoph Vallaster schreibt. In den nächsten gut 150 Jahren wurde Tabak in Frastanz dann tatsächlich auch erfolgreich und in größerem Stil angebaut. Tabak war neben der üblichen Landwirtschaft und der Viehzucht zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. 1768 wurden im Dorf über 100 Tonnen Tabak geerntet. „Nicht, dass es andernorts niemand mit dem Tabakgeschäft versuchte – auch in Bezau gab es eine Tabakfabrik. Nur hat es im Bregenzerwald einfach nicht so gut geklappt“, sagt der Frastanzer Gemeindearchivar Thomas Welte, der sich im von Architektin Ursula Ender gestalteten Tabakmuseum in Frastanz bestens auskennt. Zwar gibt es Orte mit mehr Sonne und generell günstigerem Klima als Frastanz, aber vielleicht hatten die findigen Geschäftsleute einfach auch einen besonderen grünen Daumen und etwas mehr Glück.

Eine Nase für den Pfarrer

Das Museum hält einiges zur heimischen, aber auch überregionalen Tabakgeschichte bereit: Neben einem Nachbau einer zeitgenössischen Vorsteherstube samt Utensilien wie einem Spucknapf für den Kautabak finden sich auch Schnupftabakdosen und vor allem Pfeifen – einfache und selbstgeschnitzte Exemplare ebenso wie kunstvoll und hochwertig verarbeitete High-Class-Rauchinstrumente, wie sie nur einem Kaiser gerecht werden konnten. „Die Zeit des Frastanzer Tabaks endet genau vor dem Aufkommen von Zigaretten. Zigaretten und Zigarren waren generell noch nicht sehr beliebt, aber selbst der beste „Tabacco di Frastanza“ kam Kaiser- bzw. Wientreuen nicht in die Pfeife“, erklärt Welte. Zigaretten und Zigarren findet man im Museum eher nicht, dafür gibt es nette Anekdoten und viel Wissenswertes: Dorfpfarrer Hilar Leißing soll sich im Beichtstuhl gerne einmal eine Prise Schnupftabak gegönnt haben. Überhaupt war der würzige Schnupftabak eine willkommene Wohltat – und nicht selten Teil des Lohns – für Priester, Lehrer, Beamte oder andere feine Leute, damit die Ausdünstungen der niederen Leute erträglicher waren.

Auf welchem Mist das wohl gewachsen ist

Das schon 1784 durch Kaiser Joseph II beschlossene Tabakmonopol, das ab 1828 auf Tirol und Vorarlberg ausgeweitet wurde, erschwerte den Bauern fortan das Geschäft mit dem Tabak ungemein. Zwar war der Anbau unter bestimmten Bedingungen weiterhin erlaubt, dennoch wurde die Pflanze in immer geringem Maß angebaut, ab 1836 wurde der Tabakanbau im Gemeindegebiet sogar völlig eingestellt. Die Ablösesummen nach Einführung des Monopols waren einfach zu unrentabel. Einige Jahre zuvor war das noch ganz anders: Da spross die Pflanze nicht nur auf den Feldern und den Hausgärten, sondern teilweise sogar auf dem Misthaufen. Und obwohl Kreishauptmann Johann Ritter von Ebner – der überall regelrechtes Marketing für den heimischen Tabak betrieben haben soll – darüber informiert wurde, der Kaiser wolle mit den Einschränkungen die Gemüter der Landbewohner nicht unnötig strapazieren, kann man aus heutiger Sicht sagen: „Er hat’s versaut!“

„Aha mit’m Raubvogel!“

Mit dem Blick auf das Revolutionsjahr 1848 bekommt die Geschichte revolutionären Charakter. „Jetzt hatten sich die Frastanzer ein gutes Geschäft aufgebaut, und kaum lief es prächtig, standen schon die Finanzer aus Feldkirch da, um die Einhaltung des Tabakmonopols peinlich genau zu kontrollieren. Es gibt noch eine Aufstellung der Einlösepreise aus dem Jahr 1844, die aber die letzte gewesen sein dürfte, danach geriet der Anbau immer mehr in Vergessenheit“, erklärt Welte. Da kam die Revolution nur gelegen, hatte der Kaiser nun doch einige größere Baustellen über sein Herrschaftsgebiet verstreut. Auch in Frastanz wurden einschlägige Unkenrufe immer lauter: „Aha mit’m Raubvogel“ – so wurde der Doppeladler angesichts der Situation äußerst treffend genannt – rutschte vor allem den wenigen oder ehemaligen Tabakbauern öfters heraus. Diese wagten euphorisch und selbstbewusst bald wieder Anbauversuche, ganz getreu dem Motto „Wer lang frogt, wird wiet gwiesa!“. Die Bemühungen, die alten Zustände wiederherzustellen, waren aber mitunter auch Schuld am Niedergang des Frastanzer Tabaks: Denn als Strafe hatte man sich im Dorf eine höchst ungelegene und teure sowie selbst zu bezahlende Militäreinquartierung eingebrockt, weitere offenkundig illegale Aktivitäten waren nun undenkbar.
Die Pfeife war damit aus – schade
eigentlich.

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