Simon Groß

Redaktion ()

Vorarlbergs immaterielles Kulturerbe – can’t touch this!

September 2019

Die Pyramiden von Gizeh, Notre Dame und Eiffelturm, die Lagunenstadt Venedig, Reis-Terrassen auf den Philippinen, der Taj Mahal und nicht zuletzt auch die gigantische Chinesische Mauer – nur ein Bruchteil jener monumentalen Bauten und Projekte aus Menschenhand, die man gesehen haben muss. Als Zeugnis menschlichen Willens, Einfallsreichtums und Schöpferkraft, ja als einzigartige Leistungsschau der menschlichen „Kultur“, nehmen sie neben unzähligen weiteren Kandidaten verdient ihren Platz auf der riesigen Liste des UNESCO-Weltkulturerbes ein. Dabei ist ein Kulturerbe vielmehr: All diese Vermächtnisse gäbe es nicht ohne das schöpferische Treiben dahinter. Deswegen gibt es nicht nur ein materielles, sondern auch ein „immaterielles“ Kulturerbe.

Can’t touch this! …Doch!

// Bitte nicht anfassen!

Kulturerbe bedeutet mehr als altes Holz, geometrische Steinhaufen oder gigantomanische Bauexzesse. Es sind mündlich überlieferte Traditionen, Bräuche, Rituale und Feste, Wissen, darstellende Künste und eben Handwerk, wie etwa das der Pflasterer, welches vergangenes Jahr ins österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden ist. Das alles ist viel greifbarer, als es die eigentlich sperrige Bezeichnung „immaterielles Kulturerbe“ – ein pedantischer Kulturfetischist könnte es nicht besser formulieren – anzudeuten vermag. Immaterielles Kulturerbe ist erlebbar, es wird von Generation zu Generation weitergegeben und begleitet so kontinuierlich die sozio-kulturelle Entwicklung der Menschheit. Durch die Sichtbarmachung über die UNESCO-Liste entsteht ein einzigartiges weltumspannendes Schaufenster, das auch den einen oder anderen Blick auf regionale Besonderheiten freigibt. Vorarlberg ist im Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der österreichischen UNESCO-Kommission unter anderem mit diesen Einträgen vertreten:
Der Montafoner Dialekt, 2017 in der Kategorie mündliche Traditionen in Vor­arlberg aufgenommen, wird als „Besonderheit innerhalb der österreichischen Dialekte“ beschrieben. Eingebettet in die Vorarlberger alemannisch-schwäbische Dialektlandschaft zeichne die Mundart sich durch Beibehaltung älterer Reliktwörter aus. „Diese stammen aus der Siedlungsgeschichte. Das Rätoromanische wurde um 1300 durch die Einwanderung der Walser verdrängt, geblieben sind bis heute rund 200 Reliktwörter, Redewendungen sowie grammatikalische Eigenheiten und ein enorm breites Lautinventar fast ohne Diphtonge.“
In derselben Rubrik kamen bereits 2011 die Vorarlberger Flurnamen hinzu: „Da sich Fluren und Äcker in oft weiter Entfernung der Dörfer und Höfe befinden, war ihre genaue örtliche Benennung von großer Bedeutung für das Abschließen von Verträgen, die Erstellung von Wegbeschreibungen und die Berechnung zu entrichtender Abgaben. Über Jahrhunderte hinweg bildeten die dadurch entstandenen Orts- und Flurnamen einen selbstverständlichen Bestandteil der bäuerlichen Lebenswirklichkeit.“ So bildeten sich die heute geläufigen Flurnamen wie „Eichholz“, „Winkel“ oder „Neuamerika“.
Als traditionelles Handwerk in Vorarlberg wurde vor neun Jahren die Bodensee-Radhaube in Laméspitze aufgenommen, die sich „vor allem durch das aus Gold- oder Silberfäden auf beiden Seiten gefertigte Ornament“ auszeichne. „Sie wird auf der Vorder- und Rückseite in gleicher Qualität hergestellt und von Trachtenträger/-innen rund um den Bodensee zu besonderen Anlässen, wie zum Beispiel Tanzvorführungen oder Festen sowie zu Repräsentationszwecken, getragen.“
Auch zwei besondere – so heißt die Kategorie – „gesellschaftliche Praktiken“ finden sich auf der Liste. Das sogenannte „Scheibenschlagen“ sei zeitlich als auch inhaltlich aufs Engste mit dem Funkenbrennen am Funkensonntag verbunden, wie der Vorarlberger Historiker Manfred Tschaikner in seinem Empfehlungsschreiben für die Aufnahme des Scheibenschlagens im Jahr 2015 festhält. Ist Ihnen das Scheibenschlagen geläufig? Der Brauch wird am ersten Sonntag der Fastenzeit, also am Funkensonntag, in mehreren Orten in Südvorarlberg praktiziert. „Eigens angefertigte Scheiben aus Erlen- oder Birkenholz werden auf 70 bis 100 Zentimeter lange Haselstöcke gesteckt, im sogenannten Vorfeuer zum Glühen gebracht und mit Hilfe einer kleinen Holzbank von den Stöcken abgeschlagen. Bei einem gelungenen Schuss beschreibt die glühende Scheibe einen leuchtenden Bogen am dunklen Nachthimmel.“ Ein eindrucksvolles Bild. 
Natürlich wurde 2010 auch der Funkensonntag hinzugenommen. „In jeder Gemeinde Vorarlbergs findet am Sonntag nach Aschermittwoch ein eigener Funken zum Ausklang der Alten Fasnacht statt. Bereits am Faschingsdienstag wird die Funkentanne geschlagen, die bis zu 30 Meter hoch sein kann. Am Samstag vor dem Funkensonntag wird mit dem Aufbau des Funkens selbst begonnen, wobei alle Materialien, die in den vergangenen Wochen gesammelt worden sind, zu einem turmartigen Gebilde aufgeschlichtet werden. Der Funken wird traditionell bei Einbruch der Dunkelheit entzündet.“

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.