WALTER HÖMBERG

Walter Hörmberg hat sich intensiv mit Falschmeldungen und Medienfälschungen befasst. Er war mehr als zwei Jahrzehnte Ordinarius für Journalistik an der Universität Eichstätt. Gegenwärtig lehrt er als Gastprofessor an der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kultur- und Wissenschaftskommunikation sowie Medien- und Kommunikationsgeschichte. Er hat mehrere Buchreihen herausgegeben.

Wer war Otto Jägermeier?

März 2020

Fake News“ – dieser Begriff wurde 2016 zum Anglizismus des Jahres gekürt. Ein damals neu gewählter amerikanischer Präsident verwendete ihn geradezu inflationär in einer seiner rhetorischen Lieblingsdisziplinen, der Journalistenbeschimpfung. Im Jahr darauf tauchte der Begriff dann zum ersten Mal im Duden auf. Die „in manipulativer Ansicht verbreiteten Falschmeldungen“, so die Definition dort, werden besonders in den sogenannten Social Media verortet. Am wenigsten würde man derlei absichtlich falsche Darstellungen in einem Buchtyp vermuten, der seit seinen Anfängen im 17. Jahrhundert geradezu als Ausbund der Faktentreue und der Seriosität gilt: dem Lexikon. 
Aber auch hier kann man überraschende Entdeckungen machen. Im „Musiklexikon“ von Riemann, das als Autorität für den Bereich der Musik gilt, findet sich im Ergänzungsband der zwölften Auflage von 1972 folgender Eintrag:
„Jägermeier, Otto, *29. 10. 1870 zu München, † 22. 11. 1933 zu Zürich; deutscher Komponist, begann seine Studien bei Rheinberger und studierte 1889-92 bei Thuille. Reisen führten ihn nach Paris und in die Niederlande (1890), Wien und die Balkanländer (1892), Italien (1894) und nach Leipzig (1898), wo er mit Peter Lohmann zusammentraf, dessen musiktheoretische Ideen für sein Schaffen von großer Bedeutung waren. Ab 1907 lebte er in Madagaskar, das er erst 1933 für eine Europareise wieder verließ. Abgesehen von einigen Jugendwerken, komponierte er ausschließlich symphonische Dichtungen (Psychosen, 1900; Titanenschlacht, 1901; Meerestiefe, 1902; Im Urwald, 1920, nicht aufgeführt).“ 
Der Mann, der hier in lexikalischer Kürze vorgestellt wird, hat eine wechselvolle Biografie, die ihn als besonders mobilen Musikus ausweist. Sein Werk ist offenbar so bedeutend, dass sich mehrere Autoren mit ihm befasst haben. Unter den Literaturangaben finden sich sogar zwei Dissertationen. Leider taucht der Name Otto Jägermeier in den sonstigen Standardwerken zur Musikgeschichte nicht auf. 
Wenn dieser Mann auch nie gelebt hat – seit diesem Eintrag existiert er. 1984 haben Berliner Musikfreunde sogar eine „Otto Jägermeier Society Berlin e.V.“ gegründet. Diese hat sich um seinen Nachlass gekümmert und hält sein Andenken in Ehren, unter anderem durch Konzerte und die Zeitschrift „Ottomanie“. Und Herbert Rosendorfer, der vielseitige Dichter-Jurist, hat diesen geheimnisvollen Komponisten in mehreren Erzählungen und Romanen angemessen gewürdigt. 
Ein ähnlicher Fall ist bereits 13 Jahre zuvor im gleichen Musiklexikon aufgetaucht: Guglielmo Baldini, ein italienischer Komponist, geboren um 1540 zu Ferrara. Dieser Künstler hat es sogar in ein englisches Standardwerk geschafft („The New Grove Dictionary of Music and Musicians“, London 1980), diesmal ergänzt durch eine entlegene Literaturangabe. Die ausführliche Vorstellung des Meisters neun Jahre später im Werk „Propyläen Welt der Musik“ kann man als Re-Import sehen.
Ein anderes Standardwerk, Walther Killys „Literatur Lexikon“ (Gütersloh 1991) stellt den „Literaten und Tonsetzer“ Gottlieb Theodor Pilz (1789-1856) als „großen Unbekannten“ vor. Kennern der Nachkriegsliteratur ist dieser Mann allerdings durchaus vertraut. Wolfgang Hildesheimer hat ihn in seinen „Lieblosen Legenden“ voller Hochachtung beschrieben: „Sein Beitrag zur Geschichte der abendländischen Kultur kommt in der Nichtexistenz von Werken zum Ausdruck, Werken, die durch sein mutiges, opferbereites Dazwischentreten niemals entstanden sind.“
Auch medizinische Lexika haben von literarischen Vorbildern profitiert. Das berühmteste Beispiel ist Loriots „Steinlaus“. Seit 1983 wird dieser wundersamen Kreatur im bekanntesten klinischen Wörterbuch, dem Pschyrembel, Aufmerksamkeit gewidmet (damals 255. Auflage), und von Auflage zu Auflage ist der jeweils aktuelle Stand der Steinlaus-Forschung dokumentiert. Auch manche weiteren Publikationen, etwa im „Jahrbuch für Marginalistik“, befassen sich mit diesem winzigen Nagetier, das sogar am Fall der Berliner Mauer beteiligt gewesen sein soll. Was den Pschyrembel betrifft, so ist in dem unter gleicher Flagge segelnden „Wörterbuch Naturheilkunde und alternative Heilverfahren“ als effektives therapeutisches Mittel auch der „Kurschatten“ aufgeführt. 
Wie sind solche Phänomene zu deuten? Hier gibt es zwei unterschiedliche Erklärungsmuster. Das eine hat vor allem die möglichen Folgen im Visier: Wenn Plagiatoren auf solche Fakes hereinfallen, dann kann man sie auch ohne langwierige Textkontrollen des geistigen Diebstahls überführen. Ein solcher Schnelltest würde vor allem die Prüfung von Politiker-Dissertationen vereinfachen.
Die andere Erklärung, die dem Verfasser plausibler erscheint, greift zurück auf die Beobachtung des Berufsmilieus der Lexikon-Redakteure. Sie müssen nach einem strengen Reglement die Texte fremder Autoren redigieren und ihnen die Fußnoten putzen. Im Schatten der Anonymität verrichten sie ihre Kärrnerarbeit. Ein Lexikon hat primär die Funktion eines Wissensspeichers und wird nicht zuletzt zur Hand genommen, um Rätsel zu lösen. Einmal, ein einziges Mal während eines langen Produktionsprozesses, haben Lexikografen sozusagen einen Freischuss: Sie dürfen selbst Rätsel aufgeben, indem sie ein U-Boot vom Stapel lassen. Auf den Buchmessen ist das dann ein schönes Thema für Insidergespräche …
Weniger geheimnisvoll tut da ein wunderbares Werk, das 2010 im rot-schwarzen Brockhaus-Design das Licht der Bücherwelt erblickt hat: „Die große Brocklaus. Das komplett erfundene Lexikon“ schenkt schon im Titel reinen Wein ein. Da finden wir dann Texte über faszinierende Länder wie Undinien und Albernistan („das einzig bekannte Land, in dem das Volk vom König gewählt wird“) und über bekannte Unbekannte wie Aprilius Aprilius („ein römischer Scherzartikel-Hersteller“) und Karl Roh („der erste Kriminelle in der Geschichte des Kidnappings, der sich selbst als Geisel nahm“).

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