Wolfgang Greber

* 1970 in Bregenz, Jurist, seit 2001 bei der „Presse“ in Wien, seit 2005 im Ressort Außenpolitik, Sub-Ressort Weltjournal. Er schreibt auch zu den Themen Technologie, Raumfahrt, Militärwesen und Geschichte.

Ein Hauch vom Krieg im Naturschutzgebiet

November 2018

Mitten im Uferwald an der Mündung der Bregenzer Ach in „Neu Amerika“ steht ein alter russischer Kampfpanzer vom Typ T-34 – aus Beton gegossen. Das Ding ist weithin kaum bekannt. Wir gingen auf Spurensuche.

Ich muss dir was zeigen, komm“, sagte ein Freund irgendwann Anfang der 1980er. Wir waren zusammen in der Mehrerau, im Gymnasium dort. Er tat geheimnisvoll. In der Mittagspause radelten wir los, den Bregenzer Strandweg entlang bis zum Kiosk in jener Gegend nahe der Achmündung und der idyllischen Bucht des sogenannten Wocherhafens, die man gemeinhin „Neu Amerika“ nennt. Beim Kiosk führt ein Weg in den Uferwald. Wir folgten ihm, bogen auf einen Pfad ab und gerieten in immer dichteren, dschungelhaft verwachsenen Wald, bis im trüben Licht jäh ein riesiger Schatten erschien. Es war fast unheimlich. Dann standen wir vor ihm: einem Panzer aus Beton. In Originalgröße. Was tat der hier?

Panzer sind in Vorarlberg eine historische Rarität. Unter den französischen Truppen, die im Mai 1945 kamen, waren US-Modelle vom Typ Sherman und Stuart, wie Fotos zeigen. Aber weder das Bundesheer der Ersten noch der Zweiten Republik hatte im Ländle je Panzer stationiert, diese englische Erfindung, die 1916 an der Westfront erschienen war. Beim Einmarsch 1938 rollten keine deutschen Panzer nach Vorarlberg, auch danach tauchten solche selten auf, meist bei Bahntransporten via Arlberg.
Das Rätsel wird größer, weil der Betonklotz einem T-34 gleicht. Das waren jene legendären sowjetischen Panzer, die es 1939 als Prototypen gab, aber im Ausland unbekannt waren, als die Deutschen 1941 die UdSSR angriffen. Die stellten entsetzt fest, dass die meisten ihrer Panzer und Panzerabwehrkanonen gegen den T-34 wenig ausrichteten. Er war ein neues, bis heute konstruktiv prägendes Design, mäßige 32 Tonnen schwer, mit schräger Panzerung, was ihn schwerer zu knacken machte, mit für 1941 überdurchschnittlich großkalibriger Kanone (76 mm, später 85 mm), robustem Fahrwerk und Motor und sehr schnell (55 km/h).

Vor allem war er simpler gebaut als alle deutschen Panzer, leichter zu warten – und zu bauen. Die Zahlen sprechen Bände: Bis Kriegsende entstanden mindestens 51.000 Stück der Versionen T-34/76 und T-34/85, nach anderen Quellen über 58.000, bis zum Bauende in den 1950ern total etwa 84.000 – der bis heute zweitmeistgebaute Panzer. Von deutschen Typen, die gleichwertig bis überlegen waren, gab es nicht ganz 16.000 (Panzer IV, Tiger I, Tiger II, Panther).
Niemand, dem ich seither von dem Ding erzählte, kannte es, nicht einmal Bregenzer. Sogar der Bregenzer Stadthistoriker, Thomas Klagian, sagte: „Ich gesteh’s. Ich kenne den nicht.“ Er findet sich indes auf Google Maps. Andernorts, etwa auf near-place.com, wird er als „Museum“ und „Sehenswürdigkeit“ gelistet, woanders erscheint er als „Kunstprojekt“.

Er ist eben – noch immer – gut versteckt. Man folge dem Waldweg beim Kiosk etwa 100 Schritte oder 80 Meter, dann geht der Pfad links ab. 100 bis 120 Meter weiter kommt eine Gabelung, dort steht er gleich rechts. Der Zahn der Zeit hat ihn angenagt. Auf ihm wächst Moos, das Metallrohr, das die Kanone war, ist weg (nicht aber das MG-Rohr). Beton bröckelt ab, der Turm ist zerborsten und man sieht hinein, dort verfault Laub, kriechen Insekten, Asseln. Zuletzt lagen darin Flaschen und eine Zigarettenschachtel. Er kriegt also Besuch. Aber woher kommt er? 

Was wir als Schüler wussten: In Neu Amerika war ein Übungsgebiet. „Das hat das Heer in den 1950ern von der Stadt gepachtet“, erzählt der Militärhistoriker Oberst Erwin Fitz. „Da war dort Freiland, das Übungsgebiet reichte über den heutigen Reitstall hinaus (bis nahe der Rheinstraße, Anm.). Später wurde der Zivilisationsdruck größer und die Übungsfläche kleiner, etwa durch den Bau der Achsiedlung, bis die Stadt den Pachtvertrag Anfang der 1990er-Jahre nicht mehr verlängert hat. Da war ich Kasernenkommandant in Bregenz und Lochau.“

Laut Klagian wurde 1959 ein unbefristeter Pachtvertrag über zwei Parzellen geschlossen und auf Jänner 1955 zurückdatiert, denn das Gebiet längs Ach und Achsiedlungsstraße war bereits militärisch genutzt. Laut Oberst Fitz sogar schon vor 1955: Durch die Franzosen ab 1945, und noch früher: Da ist die Rede von älteren Bunkern, die die Franzosen gesprengt hätten („Auf deren Trümmern haben wir geübt“, sagt Fitz), und dass das Heer schon ab 1931 in dieser Gegend geübt habe. Sogar in Form von Artillerieschießen mit Zielgebiet Rohrspitz.

Irgendwann Ende der 1950er also hätten Pioniere des 1956 errichteten Jägerbataillons 23 den Panzer aus Beton gegossen. Wann exakt, und wieso als T-34, ist unklar. Vielleicht, weil er eine Kriegs-Ikone ist, von der die Russen Österreich 1955 beim Abzug 27 Stück (nach anderen Quellen 37) geschenkt hatten. Einer der letzten Zeugen, der bekanntermaßen am Betonpanzer mitbaute, ist leider vor Jahren gestorben.

Wozu er diente? Laut Fitz kamen „meist einmal im Jahr“ einige Panzer aus dem Osten. Etwa aus Salzburg, wo 1956 bis 1994 das Panzer- beziehungsweise Jagdpanzerbataillon 7 stand, mit Fahrzeugen wie M-24 Chaffee, M-47 Patton, Kürassier. „Mit denen“, so Fitz, „haben wir Panzernahbekämpfung geübt. Sich anschleichen, überrollen lassen, Minenattrappen anbringen, Nebeltöpfe ans Rohr hängen, bei fahrendem Panzer. An einer Strecke waren Betonröhren vergraben. Da standen Soldaten drin. Wenn der Panzer gekommen ist, hat man sich geduckt, er ist drübergerollt, dann ist man aus der Röhre gesprungen und hat Haftminen raufgeworfen. Was man aber nicht tun konnte, war, Molotowcocktails auf sie zu werfen. Dafür gab es den Betonpanzer.“
Spätestens 1991, vor mehr als einem Vierteljahrhundert, schloss das Übungsgebiet, als es zum Kern eines größeren Naturschutzgebietes erklärt wurde. „Den Panzer haben wir belassen“, sagt Fitz. „Der war eh in einem Randbereich. Und es hat sich nie jemand aufgeregt.“

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