Simon Groß

Redaktion ()

Wo Vater Rhein noch jung an Jahren, gar kühn das grüne Tal durcheilt

Februar 2019

Vorarlberg – so klein wie es ist – ist ein Land der Teilungen. Es gibt ein Inner-, Vorder- oder Hinterland, am geläufigsten ist jedoch die Einteilung in das Ober- und Unterland. „Thema Vorarlberg“ wandelt auf den Pfaden historisch gewachsener Grenzen, die gar keine sind.

Vorarlberg besteht in seinen heutigen Landesgrenzen erst seit etwas mehr als 200 Jahren und ist aus Gebietsteilen zusammengewachsen, die früher nicht zusammengehört haben. Historisch gesehen bietet sich für die Trennung in das „Ober- und Unterland“ diese Erklärung an: Der topografisch tiefer liegende Landesteil, der zum Bistum Konstanz gehört hat, reichte bis nach Hohenems. Der andere, früher zum Bistum Chur gehörende Teil reichte hinunter bis zum Kummenberg, kurz vor Hohenems. Hier grenzen also zwei historische Regionen aneinander. Die Zeiten überdauert hat jedenfalls die natürliche Einteilung des Rheintals durch den Kummenberg. „Die Siedler haben sich um diese Einteilung ursprünglich gar nicht gekümmert, sondern wollten sich rund um dem Kummenberg einfach nur ansässig machen. Er war vielmehr ein verbindendes als trennendes Element“, sagt der Vorarlberger Historiker Manfred Tschaikner.

Siedlungsgeschichtliche Einflüsse zeigen sich viel deutlicher an den Nachnamen, Ortsnamen und überhaupt an der Sprache. Das Oberland hatte romanische Einflüsse, die mit Graubünden und dem rätischen Raum allgemein verbanden. Bis 1816 zu den Bistümern zugehörig, wurden im Oberland und Unterland verschiedene Mentalitäten gepflogen, und hier galten auch unterschiedliche Rechtsgewohnheiten. Wie auf viele andere Bereiche wirkten sich diese Einflussspähren schließlich auch auf die Sprache aus. „Der Südvorarlberger Dialekt ist deutlich vom Unterländer-Dialekt zu unterscheiden. Der alemannische Einfluss – sprachlich wie kulturell – ist im Unterland viel älter und hat sich im Oberland erst später durchgesetzt“, erklärt Tschaikner.

Ein Bundesland gegen das andere, Region gegen Region, Talschaft gegen Talschaft, Stadtteile und Ortsteile, Montafoner gegen Wälder, Höchster gegen Lustenauer, Kirchdörfler gegen Unterdörfler. Das geht bis hin zur Hassliebe zwischen Nachbarn. In Vorarlberg tendiert man – wie auch anderswo – zwar zu Einigkeit untereinander, folgt aber einer hierarchischen Abgrenzung mit verschiedenen Ebenen. Die Einteilung in Oberland und Unterland ist jedenfalls die höchste Ebene innerhalb Vorarlbergs. „Es ist eine typisch menschliche Konstante, immer gegen äußere Einflüsse zusammenzuhelfen. Bezogen auf Vorarlberg ergibt sich ein vielschichtiger Kosmos, der mit bestimmten Auffassungen oder Einschätzungen verknüpft ist und eine ganz interessante Mentalitätsgeschichte eröffnet“, sagt Tschaikner und verweist beispielhaft auf Spottnamen für Ortschaften: „Kriasistinker“, „Bocksäckler“, „Seebrünzlar“, „Lumpasämmler“ oder „Höpplar“.

Wenn es nicht nötig ist, „Gesamtvorarlberger“ zu sein, dann kann man sich als Oberländer oder Unterländer fühlen. Wenn man mit Oberländern zusammen ist, kann man auch immer noch sagen „Ich bin Montafoner. Ich bin von dort, ich bin von da“. In Wien muss sich der Montafoner von der Leiblachtalerin aber nicht abgrenzen, denn da ist die Gemeinsamkeit – etwa über eine ähnliche Phonetik – größer, als wenn sie in Dornbirn aufeinander treffen. „Je nachdem, in welcher Situation beziehungsweise wo man sich befindet, wird auf unterschiedliche Identifikationsmöglichkeiten zurückgegriffen – und damit auf alte Strukturen, die von Vorfahren für wichtig gehalten wurden“, erklärt Tschaikner. Ob historisch gewachsen oder nicht, für die meisten ist es einfach eine Tatsache, „dass Luschnouar andersch reden als Dornbirner und die wieder andersch wie d’Hohenemser“. Also: Auch der Dialekt ist in Sachen Abgrenzung ein wichtiger Faktor.
Früher mussten sich die Menschen im Überlebens­interesse darum bemühen, ihre Lebenswelt möglichst vernünftig und zweckmäßig zu gestalten. Heute haben viele Menschen den emotionalen Bezug zu ihrem Lebensraum verloren, der stark von der Geschichte mitgestaltet wurde. Umso stärker ist das Bedürfnis vor allem junger Leute, sich zu identifizieren. „Es scheint wieder ganz wichtig zu sein, zu etwas dazuzugehören, das einen tieferen Bezug zu und eine längere Verbindung in die Geschichte hat“, sagt Tschaikner. Das sehe man aber auch bei der Tracht, Bräuchen und vielen anderen Dingen. Alte Gebäude und Orte mit Altbestand werden als authentischer, angenehmer und wertvoller empfunden: „Lange hat man auch gemeint, es ist dahin mit dem Dialekt, dieser ‚verformten Sprache‘.“

Und da wäre noch die recht geläufige „Bierfrage“: Das Unterland trinkt „Mohren“, das Oberland „Fohren“ – manche halten an ihrer Wahl dogmatisch, ja geradezu konfesionell fest. Aber diese Bierfrage ist sekundär, wie viele andere Merkmale, die sich über die Zeit entwickelt haben. Bier trinkt man in Vorarlberg in größeren Mengen erst seit etwa 200 Jahren. Aber es bietet sich heute dennoch neben den Dialekten als Trennlinie zwischen verschiedenen Regionen an, genauso wie Kleidung, Musik, Bräuche, bestimmte sprachliche Ausdrucksweisen oder Speisen. Kässpätzle beziehungsweise -knöpfle werden im südlichen Landesteil mit „Suurem Kees“ verfeinert, weiter nördlich werden sie durch Zugabe von „Fettkäse“ fadenreicher. Mit einem Augenzwinkern wird unter „falscher Abneigung“ doch oft Wertschätzung ausgedrückt. Jeder macht „es“ gut, aber jeder findet „seine eigene Art“ doch auch immer noch ein bisschen besser, im Ober- wie im Unterland.

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