Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Die halb-Nomaden der Alpen

Oktober 2016

Es ist eine meiner ersten Kindheitserinnerungen, den unvergleichlich würzigen Laib Bergkäse, den Vetter Leo jedes Jahr meinem Vater schenkte, anzuschneiden und dann zu probieren. Leo Feurstein – der Onkel meines Vaters – war einer der längstgedienten Älpler Vorarlbergs, hatte er doch von der Kindheit bis ins hohe Alter jeden Sommer auf der Alpe Hochleckach oberhalb von Hittisau verbracht.

Die Alpwirtschaft ist nicht nur bei mir, sondern auch im Bewusstsein breiter Bevölkerungsschichten Vorarlbergs stark verankert, was sich etwa auch in der seit vielen Jahren stattfindenden Alpexkursion ausdrückt, bei der die gesamte Landesregierung einen Tag auf einer Alpe verbringt, um ihre Verbundenheit mit dieser Art der Bewirtschaftung zu bekunden.

Einhergehend mit dem sozialen Wandel kam es zu vielfachen Funktionsänderungen, am deutlichsten zu sehen am Vorsäß, das heute oft – wie etwa das Beispiel Schönenbach zeigt – für touristische Zwecke verwendet wird. Diesen Wandel der Alpwirtschaft zu dokumentieren hat sich ein Feldkircher Autor, Verleger und Fotograf zur Aufgabe gemacht. Traditionelle Lebens- und Arbeitsformen sind der Forschungsschwerpunkt von Oliver Benvenuti, der in den 1980er-Jahren begonnen hat, altes Handwerk in Vorarlberg und Tirol zu erfassen und in Büchern zu publizieren, worauf dann weitere Veröffentlichungen über die Stationen der Dreistufenwirtschaft wie etwa Vorsäße, Maisäße, Berggüter und Alpen folgten. In der Bregenzerwälder Ausprägung einer transhumanten Lebensweise, in der die Bauern mit ihrem Vieh dem Futter folgen, beginnt die saisonale Wanderung mit dem Auszug aus dem Heimgut im Frühsommer, dann das Verweilen im Vorsäß für vier Wochen (jeweils beim Aufstieg und beim Abstieg) sowie der Verbleib auf der Alpe für neun bis zehn Wochen.

Ein bleibendes Verdienst von Oliver Benvenuti ist es, dass er nicht nur die aktuelle Situation der Dreistufenwirtschaft fotografisch dokumentiert, sondern seit Jahrzehnten diesbezüglich auch historische Fotos systematisch sammelt. Er kann dabei auch auf die Hilfsbereitschaft der Älpler zählen, die ihm bereitwillig ihre Fotoalben zur Verfügung stellen. Mit der Einwilligung der Besitzer konnten die Fotos gescannt, dann akribisch beschrieben und sogar die meisten abgebildeten Personen identifiziert werden. So entstand im Lauf der Jahre eine unvergleichliche Fotosammlung mit mehreren Tausend Aufnahmen, die immer noch weiter ergänzt wird. Im Bewusstsein, einen landeskundlichen Schatz in Händen zu halten, suchte Benvenuti die Kooperation mit der Vorarlberger Landesbibliothek, die seither für die Katalogisierung, Langzeitarchivierung und Veröffentlichung der Bilder sorgt. Im Gegensatz zu aktuellen Fotos sind auf den historischen Bildern vor allem Personen, oder vielleicht noch eine Kuh und im Hintergrund ein Hüttensegment, zu sehen. Die Vorsäß- und Alphütten und deren Inneres zu dokumentieren, war damals nicht das Ziel der Amateurfotografen und diesen wahrscheinlich auch zu teuer. Aus diesem Blickwinkel betrachtet hat die Sammlung auch einen erheblichen fotohistorischen Wert.

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.