Nora Weiß

Redakteurin Thema Vorarlberg

Foto: Weissengruber

 

 

 

Die Sprache in der Krise

April 2021

Die Corona-Krise hat nicht nur neue Vorschriften in unseren Alltag gebracht, sondern auch für viele neue Wörter in unserem Sprachgebrauch gesorgt. Wie nachhaltig sich diese in der Sprache verankern können, wird sich zeigen.
Noch vor einem Jahr sprach im Alltag niemand von Inzidenzen oder einem Mund-Nasen-Schutz oder beschäftigte sich mit Exponentialkurven. Daran lässt sich verdeutlichen, dass die Sprache in einer untrennbaren Wechselwirkung mit der Gesellschaft beziehungsweise den Ereignissen, denen diese ausgesetzt ist, steht. Oder wie der Soziolinguist Manfred Glauninger sagt: „Es gibt keine Gesellschaft ohne Sprache und umgekehrt keine Sprache ohne Gesellschaft.“ 
Die Tatsache, dass sich die Sprache stetig ändert, nennen Linguisten den Sprachwandel. Dieser basiert auf der Grundlage, dass, so wie sich die Gesellschaft in einem ununterbrochenen Wandel befindet, sich auch deren wichtigstes Kommunikationsmedium, die Sprache, an die Veränderungen anpassen muss und umgekehrt auch eine der Ursachen dieser Veränderung ist. Während dieses Phänomen für Sprachwissenschaftler nahezu trivial ist, kommt es manchen Menschen wie ein Verfall der Sprache vor, den es aufzuhalten gilt. 

Sprachwandel als Zeichen des Alterns

Dass sich die Sprache verändert, bemerken wir Menschen erst mit zunehmendem Alter. Wir machen die Beobachtung, dass die nächste Generation oder auch die übernächste nicht mehr denselben Wortschatz verwendet wie man selbst. Oftmals überkommt uns dabei das Gefühl, dass die eigene Sprache deutlich elaborierter ist und durch die jüngeren Generationen an Schönheit verliert.
Manfred Glauninger führt das darauf zurück, dass „wir generell dazu neigen, die Vergangenheit zu verklären, vor allem die eigene Jugendzeit. Die damalige Sprache wird idealisiert, und in der nächsten Generation merkt man die Unterschiede, und dann setzt eine romantisierende Verlustangst ein.“ 
Denn der Mensch steht Veränderungen zunächst meist kritisch bis ablehnend gegenüber. Die Verwendung eigener Begriffe, häufig um Situationen zu bewerten, ist eine Möglichkeit der Jugend, sich von der älteren Generation abzugrenzen und über die Sprache eine eigene Identität zu schaffen. „Waren es in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren Wörter wie ‚dufte‘, folgte in den 90er- und 2000er-Jahren ‚cool‘ oder ‚geil‘, die haben es dann auch in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft. Die nächsten Jahre wird zu beobachten sein, wie sich das mit Wörtern wie ‚nice‘ entwickelt“, erklärt Laura Neuhaus, stellvertretende Chefredakteurin der Dudenredaktion in Berlin, im Gespräch mit Thema Vorarlberg.

Das Fremde im Deutschen

Ein Wort, das durch die Pandemie neu in unsere Alltagssprache gekommen ist und sich bereits in dieser etabliert hat, ist „Lockdown“. Inzwischen weiß jedes Kind, was damit gemeint ist. Dieses Wort ist für viele Menschen, die sich der Bewahrung der deutschen Sprache verschrieben haben, sinnbildlich ein Dorn im Auge, handelt es sich doch um einen sogenannten Anglizismus. Waren die Fremdwörter in der Vergangenheit meist lateinischen Ursprungs, sind sie heutzutage zum Großteil aus dem Englischen. Dieser Trend zeigt sich aber weltweit, wie Manfred Glauninger bestätigt, aber „im Deutschen kann es durchaus auch eine Rolle spielen, dass wir sprachgeschichtlich dem Englischen sehr nahe sind.“ Dass Englisch und Deutsch gut harmonieren, zeigt sich auch daran, dass englische Substantive im Deutschen ein passendes Genus bekommen wie etwa der Lockdown. „Und daran, dass es auch Bildungen gibt, wo gemischt wird, so etwas wie Teillockdown, das setzt sich zusammen aus Englisch und Deutsch. Da merkt man eigentlich ganz gut, wie die Wörter, die aus anderen Sprachen übernommen werden, von der deutschen Sprache umarmt werden und dass die deutsche Sprache da ganz schön kreativ ist“, ergänzt Laura Neuhaus. 
Aber auch im Hinblick auf die zunehmende Verwendung von Anglizismen gibt es keinen Grund zur Sorge, denn „jede natürliche Sprache, die im Kontakt mit anderen Sprachen steht, verändert sich. Gerade die deutsche Sprache war immer stark im Kontakt mit anderen Sprachen und diese puristische Jammerei, die gab es bereits vor 200 Jahren im Bezug auf das Französische. Denn im 18. Jahrhundert hat es genauso eine französisch-deutsche Mischsprache gegeben, wie es heute eben das Denglisch gibt“, relativiert der Linguist Glauninger. Und verweist darauf, dass die nachhaltigen Veränderungen häufig mit einer neuen Technik oder einem veränderten Kommunikationsverhalten zusammenhängen. Ein Beispiel hierfür ist das Verb „schreiben“. Zunächst diente das Schreiben als Form der Bewahrung, in weiterer Folge wurde es genutzt, um jemandem zu schreiben. Mit dem Beginn moderner Kommunikationsformen, wie etwa WhatsApp, erhielt das Verb eine zusätzliche Bedeutung. Wir schreiben heutzutage alle mit jemandem, ohne uns bewusst zu sein, dass sich mit der Präposition „mit“ eine veränderte Kommunikationsweise manifestiert.
 

Vom immer schon dagewesenen Luxusproblem

Wie schon eingangs erwähnt, handelt es sich beim Sprachwandel um ein Phänomen, das bereits mit Beginn der Sprachverwendung eingesetzt hat und uns unaufhaltsam begleitet. Schon Goethe und Schiller waren not amused ob der Sprachverwendung ihrer Nachfolger und traten als Sprachbewahrer auf. Es ist eben immer eine Sache der Perspektive. Ob die Corona-Pandemie sich nachhaltig in unserer Sprache manifestieren kann, wird sich in einigen Jahren zeigen. Aber bis dahin gibt es bestimmt ein neues Ereignis, das unsere Sprache beeinflusst und in uns Verlustängste auslöst. Es empfiehlt sich daher, die Aufregung über den Sprachwandel als das zu nehmen, was sie ist: als ein Luxus­problem.

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