Thomas D. Trummer

Eine vorsichtige Diagnose der Gegenwart

Mai 2026

Wo steht Kreativität heute? Wie lassen sich Innovation und Andersheit denken, in Wirtschaft, Politik und Kunst?

Um diese Fragen zu beantworten, lohnt ein Blick auf das vergangene Jahrzehnt. Ausgehend von Andreas Reckwitz lässt sich die Gegenwart als eine Zeit beschreiben, in der Kreativität nicht mehr Ausnahme, sondern Erwartung ist. In »Die Gesellschaft der Singularitäten« (2017) zeigte er, wie sich dieser Begriff unter neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen aus seinem ursprünglichen Zusammenhang löste. Was einst vor allem in der Kunst verortet war, als offenes Feld von Versuchen, Fantasien und eigenwilligen Formen, wurde zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Forderung. Menschen sollen nicht nur funktionieren, sondern sich unterscheiden, sich darstellen und ihrem Leben eine eigene Form geben. Diese Verallgemeinerung, die zweifellos Freiheitsgefühle und Spielräume eröffnete, brachte zugleich eigentümliche Folgen hervor. Es kam zu einer Inflation des Kreativen. Wenn alle besonders sein sollen, verliert das Besondere an Prägnanz. Darum ähneln sich viele Social Media Accounts. Was ursprünglich aus der Kunst kam, erscheint im Alltag oft nur noch als leere Geste.

Keine eigentliche Freiheit
Während Andreas Reckwitz eine gesellschaftliche Entwicklung beschreibt, lässt sich vor allem ausgehend von den USA eine wirtschaftliche Dynamik beobachten, die von tiefen Umbrüchen geprägt ist. Mit der Plattformökonomie und Unternehmen wie Google, Meta Platforms und Amazon entstanden Akteure, die eine bis dahin ungeahnte Durchdringung globaler Märkte erreichten. Peter Thiel, Mitgründer von PayPal und weiteren Technologieunternehmen, der sich diesem Umfeld zurechnet, beschreibt die dort wirksame Form von Kreativität als einen radikalen Gegenentwurf zur bloßen Streuung. In seinem Buch, »Zero to One«, das 2014 und damit drei Jahre vor Reckwitz erschien, wendet er sich gegen ein verbreitetes Verständnis von Kreativität. Er deutet sie als Variation des bereits Bekannten, als Wiederholung mit kleinen Abweichungen. Kreativität erzeugt in dieser Perspektive zwar ein Gefühl von Freiheit, aber keine eigentliche Freiheit, und diese stellt der radikale Libertäre an die oberste Stelle seines Denkens. Sein Einspruch zielt auf einen klaren Bruch. Tatsächlich verschiebt Thiel den Maßstab in eine andere Richtung, verengt ihn dabei jedoch zugleich deutlich. Diese Verengung hat sich in den Jahren seither eher verstärkt als abgeschwächt. Ihr gilt diese Analyse.
Denn Peter Thiel knüpft den Erfolg von Tech-Unternehmen an ein einziges Kriterium. Kreativität zählt für ihn nur dort, wo sie sich in einen dauerhaften wirtschaftlichen Vorteil übersetzen lässt. Während Andreas Reckwitz beschreibt, wie Menschen sich als besonders inszenieren, interessiert Thiel nur jene Form von Einzigartigkeit, die sich durchsetzen und behaupten kann. Thiels provokante These, wonach ein einzelner Mensch zwar ein großes Kunstwerk schaffen könne, aber keine ganze Industrie, markiert diese Grenze deutlich. Aus diesem Blickwinkel erscheint die Kunst, selbst in ihren höchsten Ausprägungen, als ein Gegenraum mit begrenzter Wirksamkeit. Ein Bereich, in dem zwar Neues entsteht, der jedoch daran leidet, dass er sich nicht vollständig in Macht, Skalierung oder Kontrolle überführen lässt. Kreativität zeigt sich sichtbar, aber ohne Durchsetzungskraft im ökonomischen Sinn.
Ähnliche Vorstellungen einer uneingeschränkten Wirkung haben im vergangenen Jahrzehnt das wirtschaftliche Denken geprägt. In jüngerer Zeit, da sich auch erste Schwächen dieser Systeme zeigen, scheinen sie nichtsdestoweniger im politischen Feld an Gewicht zu gewinnen. Während einst Konzepte aus der Kunst in die Wirtschaft wanderten, verläuft der Transfer nun in die weitere Richtung, von der Wirtschaft in die Politik. Nicht zufällig unterstützte Peter Thiel die Kandidaturen von Donald Trump, beim zweiten Mal auch sichtbar auf der Bühne einer Wahlkampfveranstaltung. Der radikale Monopolismus zeigt sich damit auch als Urheber und Teilhaber des modernen Autoritarismus.

Ein radikales Auswahlverfahren
Hervorzuheben ist, dass mit dieser von Thiel mitgeprägten Verschiebung Kreativität nicht mehr nur bewertet, sondern selektiert wird. Sie wird an ein einziges Kriterium gebunden. Was sich nicht in Marktmacht übersetzen lässt, besitzt keine Relevanz. Gerade jene Formen des Neuen, die die Kunst und Kultur motivieren, geraten so an den Rand. Dies hat aber auch für die Flexibilität der Wirtschaft Konsequenzen. Denn langsame Entwicklungen, kollektive Prozesse und Diskurse, tastende Versuche sowie Forschungsergebnisse, die offen bleiben oder auch scheitern dürfen, werden eliminiert. Kreativität erscheint aus dieser Perspektive nicht mehr als offenes Geschehen, sondern als ein radikales Auswahlverfahren, das nur bestimmte Lösungen gelten lässt und andere, selbst wenn sie überraschend, klug oder alternativ sind, konsequent ausblendet.
Und genau an diesem Punkt zeigt sich eine grundlegende Schwäche in Thiels Denken. Es setzt voraus, dass sich im Voraus bestimmen lässt, was wirklich neu und relevant ist und was nicht. Doch gerade die Geschichte der Kunst ebenso wie jene der Wissenschaft und Technik widerspricht dieser Annahme. Viele bedeutende Ideen wurden zunächst übersehen, unterschätzt oder als unbedeutend abgetan. Ihr Wert zeigte sich oft erst später, in veränderten Zusammenhängen, verschobenen Konstellationen oder unter neuer Wahrnehmung. Indem Peter Thiel Kreativität eng an unmittelbaren Erfolg bindet, verliert er diese Offenheit, vor allem aber auch ihre Zeitlichkeit, aus dem Blick.

Garant des Immergleichen
Hinzu kommt seine Neigung zu klaren Gegensätzen und einem Argumentationsstil, der sich darin gefällt, polemisch zu sein. So wird auch der Wettbewerb, der im liberalen Diskurs traditionell hochgehalten wird, nicht als produktive Dynamik, sondern als wenig zielführend und letztlich irreführend dargestellt. Wettbewerb erscheint als bloßes Kreisen im Immergleichen, während das Monopol als eigentlicher Garant des Fortschritts gilt. Aus dieser Prämisse ergeben sich klare Ableitungen. Die Masse, die konsumiert, steht für Nachahmung, wenige für Erkenntnis. Diese Unterscheidungen entfalten zwar rhetorische Kraft, sie vereinfachen jedoch die Wirklichkeit in erheblichem Maße, ähnlich wie es auch in autoritären Denkfiguren der Politik zu beobachten ist. Gerade der Blick auf die Kunst zeigt, dass das Neue selten aus vollständiger Abgrenzung entsteht. Es wächst aus Bezügen, Wiederholungen und Verschiebungen. Auch das scheinbar radikal Andere ist nicht isoliert, sondern eingebettet in Kontexte und entsteht als Antwort und Fortsetzung auf bereits Gegebenes.
Auffällig ist, wie stark Peter Thiel sein Denken auf Abgrenzung stützt. In dieser Hinsicht erinnert es an die klare Unterscheidungslogik, wie sie etwa bei Carl Schmitt aus den 1930er Jahren sichtbar wurde. Die Welt erscheint darin geteilt in diejenigen, die sehen, und diejenigen, die folgen, – in Thiels Variante –, in das wirklich Neue und das bloß Wiederholte. Diese Ordnung erzeugt Klarheit, doch sie hat ihren Preis. Sie lässt wenig Raum für Übergänge, für Zusammenarbeit oder für jene unscheinbaren Formen von Kreativität, die sich nicht sofort als Überlegenheit zeigen. Besonders deutlich wird dies in Thiels Verständnis von Wahrheit. Seine Frage, welche wichtige Wahrheit nur wenige teilen, macht Abweichung beinahe zum Maßstab von Erkenntnis. Damit verschiebt sich der Maßstab selbst. Nicht mehr das besser begründete Argument zählt, sondern das seltenere. Wahrheit erscheint dadurch als etwas Exklusives, fast wie ein Besitz. Vor diesem Hintergrund wirkt Thiels Ansatz weniger wie eine Befreiung vom allgemeinen Kreativitätsanspruch, sondern eher wie dessen Radikalisierung unter umgekehrten Vorzeichen. Während Andreas Reckwitz zeigt, wie Kreativität zur alltäglichen Erwartung wird, reagiert Thiel darauf, indem er sie verknappt und an eine brachiale Logik der Durchsetzung bindet.

Offen für das Unfertige
Heute, rund zehn Jahre später, lässt sich daraus kaum eine Prognose, aber eine vorsichtige Diagnose für die Gegenwart ableiten. Mit Thiels Verknappung löst sich das Problem nicht, es verschiebt sich lediglich, ebenso wie sich auch bei der gesellschaftlichen Verallgemeinerung, also der Idee von Kreativität als Imperativ für alle, eine gewisse Unglaubwürdigkeit und Verwässerung einstellt. Weil Kreativität entweder zu breit oder zu eng konzipiert ist, befindet sie sich in einem prekären Zustand zwischen Überforderung und Verengung. Sie ist einerseits zur allgemeinen Aufforderung geworden, andererseits zur knappen Ressource, die sich nur dort wirklich auszahlt, wo sie in Macht oder Erfolg übersetzt werden kann. Durch beide Bewegungen droht sie, ihren offenen Charakter zu verlieren. Ähnlich ergeht es Innovation und Andersheit, die heute weder als bloße Selbstinszenierung noch als radikale Abgrenzung überzeugend erscheinen.
Erforderlich wäre daher die Rückbindung der Kreativität an Formen demokratischer Debattenkultur und an offene Diskurse, auch im wirtschaftlichen Kontext. Denn angesichts neuer Herausforderungen und Krisen zeigt sich, dass nachhaltige Neuerungen häufig aus Zusammenarbeit, langfristiger Entwicklung und kluger Vorausschau hervorgehen, also aus einer anderen Zeitlichkeit als der des schnellen Erfolgs. Man denke etwa an soziale und ökologische Fragen. Auch sollte sich Andersheit stärker im Aushandeln von Differenzen bewähren, nicht nur im Gegensatz oder in starrer Opposition. Ein möglicher Bezugspunkt bleibt dabei die Kunst, verstanden als ein Modus des Denkens und Zeigens, der sich nicht vollständig festlegen lässt und offen bleibt für das Unfertige, das Unklare und das noch nicht Entschiedene.

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.